Von Bavra über Gyumri nach Yerevan

Ursprünglich wollten wir von Georgien wieder zurück in die Türkei und von dort in den Iran einreisen. Doch dann fiel uns auf der Landkarte plötzlich dieses kleine Land auf, das sowohl an Georgien als auch an den Iran grenzt: Armenien. Spontan änderten wir die Route.

Einreise über den Grenzübergang in Bavra

In Bavra liegt der westlichste Grenzübergang zwischen Georgien und Armenien. Es ist dunkel als wir die georgische Seite verlassen und den armenischen Grenzposten ansteuern. Die Grenze liegt auf einem Pass auf 2150 Metern über dem Meer. Draußen geht ein eiskalter Wind und als wir das Fenster herunterlassen müssen wir schnell noch die Daunenjacken anziehen. Üblicherweise wollen die Grenzer den Ausreisestempel des Landes, aus dem man kommt sehen und setzen dann in den gleichen Pass den Einreisestempel. Wir wollen jedoch den armenischen Stempel im gleichen Pass haben, in dem auch das Visum für den Iran ist. Bei Eini ist das der gleiche Pass. Bei mir hingegen war da ja nun der Zweitpass ins Spiel gekommen. Und den Erstpass sollten die Iraner nach dem misslungenen Visumsantrag in Batumi auf keinen Fall zu sehen bekommen. Um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen muss ich unbedingt mit diesem Pass schon nach Armenien einreisen. Der zuständige Grenzbeamte war von meinen zwei Pässen sichtlich verwirrt. Wir erklären ihm mehrmals, dass wir die Pässe mit dem Iranvisum unbedingt brauchen, da wir die anderen beiden für einen Visumsantrag nach Deutschland schicken wollten und er daher unbedingt meinen Zweitpass stempeln müsse. Irgendwann greift er zum Telefon. Dann zieht er sich seine Jacke an und verlässt seinen Platz, vermutlich um Rücksprache mit einem Vorgesetzten zu halten. Denn als er zurückkommt, stempelt er den Zweitpass ohne weiter zu zögern.

Straßengebühren und Autoversicherung

Ein Grenzbeamte begleitet uns zum Zoll. Wir sollen die Straßengebühr bezahlen. Da es keinen Geldautomaten gibt, müssen wir Dollar in einer Wechselstube gegen Armenische Dram wechseln. Für 15 Tage müssen wir 20000 Dram, circa 35 Euro bezahlen. Darin enthalten sind auch noch eine Umwelt- sowie eine Bearbeitungsgebühr. Den Wert von Mr. Turtle schätzt der Beamte auf 5000 Euro. Reisen wir auch nur einen Tag zu spät aus, müssen wir die Hälfte dieses Wertes als Strafe zahlen.

Dann zeigt uns der Beamte noch, wo wir das Versicherungsbüro finden. Eine Versicherung ist im Gegensatz zu Georgien Pflicht und wird, wie wir gehört haben, auch meist direkt hinter der Grenze erstmals von der Polizei kontrolliert. Hat man keine Versicherung abgeschlossen, wird es teuer. Wir gehen in ein stickiges, fensterloses winziges Büro, in dem auch noch geraucht wird. Nachdem der Vertreter die Fahrzeugdaten in seinen Computer eingegeben hat, verlangt er umgerechnet knapp acht Euro für 15 Tage. Von anderen Reisenden haben wir gehört, dass an den Grenzen zum Teil 50 bis 80 Euro verlangt werden und man dann verhandeln müsste. Nach anderthalb Stunden verlassen wir nach einer weiteren Kontrolle die Grenze. Der Beamte an der letzten Schranke weist uns bei der Ausfahrt noch einmal darauf hin, dass wir den spätesten Ausreisetermin auf keinen Fall überschreiten sollen.

Wir haben im Vorfeld so viele Geschichten über dubiose Grenzbeamte und aufdringliche Versicherungsvertreter mit überhöhten Preisen gehört. Vielleicht hat unsere Einreise am Abend einen Vorteil. Wie wir zunächst befürchtet hatten, wurde uns auch der Einreisetag nicht in die 15 Tage einberechnet. So haben wir am Tag nach der Einreise noch die vollen 15 Tage um an die iranische Grenze zu gelangen. Da die Straßen auf der armenischen Seite in einem viel besseren Zustand als auf der georgischen Seite sind, beschließen wir noch die circa 50 Kilometer nach Gyumri weiter zu fahren. Dort parken wir am Stadtrand neben der Straße mit Blick auf die beleuchtete Statue der „Mother of Armenia“.

Mother of Armenie in Gyumri, Armenien.
Parkplatz vor der Mother of Armenia in Gyumri.

Gyumri, Armeniens zweitgrößte Stadt

Als wir am nächsten Morgen aus dem Bus schauen ist draußen alles weiß. Der angekündigte Schneefall ist in der Nacht eingetroffen. Wir fahren ins beschauliche Stadtzentrum von Gyumri und parken direkt am Vardanants-Square. Hier bekommen wir schon ein Gefühl für die Städte in Armenien, denn Gyumri ist mit 115000 Einwohnern bereits die Zweitgrößte. Die Hauptstadt ist Yerevan. Uns fallen sofort mehrere Händler mit Käfigen auf, in denen mehrere Tauben sitzen. Ob sie zum Verzehr oder als Haustier abgegeben werden, wird uns nicht klar. Wir haben da aber eine Vermutung. Die Sonne zeigt sich und obwohl immer noch ein eisiger Wind geht, setzt schon Tauwetter ein. Wir fragen uns zu einem Handyladen durch und vernetzten uns dort wieder mit der Welt.

Gyumri, Armenien
Taubenverkauf in Gyumri.

Nach unserem Stadtbummel steht das touristische Highlight von Gyumri an, der Markt. Neben den klassischen Obst- und Gemüseständen wird hier auch jede Menge Fleisch und Fisch angeboten. Fische werden zum Teil noch lebend in Schüsseln, ohne Wasser, angeboten. Kuhbeine scheinen eine weitere Delikatesse zu sein. Die hygienischen Zustände von Fisch- und Fleisch sind wieder einmal ein einmaliges Erlebnis. Wir stocken unsere Obst- und Gemüsevorräte auf und zahlen für zwei volle Beutel umgerechnet keine drei Euro. Ein riesengroßer Strauß frischer Koriander kostet 100 Dram. Dann entdecken wir noch leckere Datteln und zahlen für ein halbes Kilogramm etwa 1,10 Euro.

Fahrt nach Yerevan und eine armenische Polizeikontrolle

Im Vorfeld haben uns andere Reisende auch viele Geschichten über Polizeikontrollen in Armenien erzählt. Ständig werde man kontrolliert, man könne nie sicher sein, ob hinter der nächsten Kuppe nicht schon Polizisten darauf lauern, einen aus dem Verkehr zu ziehen und behaupten, man sei zu schnell gefahren. Als wir uns einige Tage später in Yerevan mit einem Armenier darüber unterhalten erfahren wir von ihm, dass die Polizisten täglich eine Erfolgsquote erfüllen müssen, um ihr Gehalt zu bekommen. Wir achten penibel darauf vorschriftsmäßig zu fahren. Nach fast zwei Monaten im chaotischen georgischen Straßenverkehr eine große Umstellung. Als wir langsam einen Berg hinauffahren, werden wir trotz durchgezogener Linie von hinten überholt. Fast im gleichen Moment kommt die Polizei angefahren und zieht den Autofahrer aus dem Verkehr. Ich quäle mich wenig später unendliche Kilometer einem LKW im Schneckentempo hinterher. Es herrscht Überholverbot. Andere Autos überholen uns beide, aber ich traue der Sache nicht, zumal es hauptsächlich durch eine Baustelle geht.

Als wir in den Stadtverkehr von Yerevan kommen, unterhalten wir uns kurz und ich bin abgelenkt. In diesem Moment ist wohl gerade wegen einer Bodenwelle Tempo 30 angeschrieben und dahinter geht es bergauf. Dann höre ich die Polizeisirene. Und jetzt sind wir gemeint. Ich halte an und ein Polizist will Führerschein, Fahrzeugpapiere und den Versicherungsschein sehen. Dann fragt er mich, wie schnell ich gefahren bin. „30!“. Das denkt der Polizist anscheinend nicht und bittet mich mit zu seinem Wagen zu kommen. Dort darf ich neben seinem Kollegen auf dem Beifahrersitz Platz nehmen und mir ein Video anschauen, indem Mr. Turtle von hinten zu sehen ist, „is that your car?“, fragt mich der Polizist. Und dann kann ich sehen, wie ich Mr. Turtle bis zu einer Spitzengeschwindigkeit von 57 km/h über die Straße jage. Ups … Der Beamte zeigt mir eine Gebührenliste, auf der steht, wie hoch die Strafe pro zu schnell gefahrenem Kilometer pro Stunde ist. Und dann faselt er etwas von „but because you are a tourist and a woman driving …“ Ich traue meinen Ohren nicht und bitte ihn mit zu Eini zu kommen, da dort ohnehin das Geld ist.

Er erklärt Eini mit der Gebührenliste in der Hand alles noch einmal. 27 km/h zu schnell kosten 26.000 Dram (circa 45 Euro). Aber weil ich ein Tourist und noch dazu eine Auto fahrende Frau bin, würde ich mit 6000 Dram Verwarnung davon kommen. Mich interessiert die Zahl überhaupt nicht, denn ich rege mich innerlich einfach nur über diesen Macho auf. Eini gibt dem Polizisten eine 10000 Dram -Note, das einzige Bargeld was wir im Moment noch haben. Der Polizist geht Wechselgeld holen. Als er zurück kommt ermahnt er uns noch einmal und gibt Eini Geld. Wir fahren weiter und ich habe schlechte Laune. Eini scheint das ganze weniger zu stören. Erst als wir viel später noch einmal über den Zwischenfall sprechen, verstehe ich, wieso er so fröhlich ist. Der Beamte hatte kein Wechselgeld und hat ihm die 10000 Dram zurückgegeben.

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