Über den Meghripass an die Armenisch-Iranische Grenze

Wir nähern uns dem Iran. Langsam schiebt sich Mr. Turtle die kurvige Straße zum Meghripass hinauf. Am Fuß des Passes liegen die letzten Orte auf der armenischen Seite. Ein Fluss trennt die beiden Länder.

Auf dem Meghripass genießen wir die Aussicht von 2525 Metern über dem Meer. Die Sonne scheint, aber das Tal bedeckt eine Wolkendecke. Wir fahren die Passstraße herunter und finden einen Picknickplatz am Straßenrand. Kaum haben wir gegessen, ist die Sonne auch schon hinter dem Berg verschwunden. Es geht weiter durch den Ort Meghri und hinunter an den Fluss. Direkt an der Straße verläuft bereits der Grenzzaun. Überall sind Wachtürme. Der Fluss gehört schon zum Iran. Wir finden einen einsamen Schlafplatz in einem Seitental mit Blick auf die iranischen Berge. Es ist mal wieder sehr windig. Da heute der erste Advent ist, essen wir zur Feier des Tages bei Kerzenschein zu Abend.

Ein überraschender Tag in Agarak

In dem kleinen Ort Agarak steuern wir am nächsten Tag ein Hotel an. Wir wollen waschen. Doch man verlangt 1,75 Euro pro Kleidungsstück. Wir winken ab und finden das eher rustikal wirkende Hostel Samuel auf der Karte. Es liegt etwas abseits vom Ort, direkt neben der russischen Militärbasis und mit Blick auf die Armenisch-Iranische Grenze. Auf den ersten Blick wirkt das wenig einladend. In der Einfahrt befragt Eini die Großmutter und ihre Enkelin nach einer Waschmaschine. Sie möchte 3,50 Euro für eine ganze Maschine. Wir sind skeptisch, denn es gibt keinen Trockner und wir haben sehr viel Wäsche, die heute noch trocken werden soll. Doch die Großmutter lädt uns direkt zu Tee und Kaffee* ein, denn die Maschine läuft noch. Wir sitzen kurz darauf im „Aufenthaltsraum“, man kann ihn als Kellergewölbe beschreiben. Ein mit Holz befeuerter Ofen heizt den Raum. Vor uns stehen bald Teller mit lokalen Köstlichkeiten: Birnen, Granatäpfel, getrocknete Früchte. Später sollen wir die von der Oma selbstgemachte Marmelade mit Brot und Butter probieren. Dazu gibt es noch Käse und sehr lecker eingelegten Krautsalat, den sich jeder mit den Fingern oder der Gabel vom Teller fischen kann. Dann kommt eine Flasche Zitronenwodka auf den Tisch und sogar die elfjährige Tochter bekommt einen Schluck. Später erfahren wir von ihr, dass ihre Mutter das gar nicht gutheißen würde, aber die ist ja nicht dabei.

Der Familienvater kann ein bisschen Deutsch und so unterhalten wir uns in einem Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und raten was er auf Armenisch sagt. Seine Tochter Nare lernt in der Schule neben Englisch und Russisch auch Deutsch. Sie beherrscht drei verschiedene Alphabete: das Armenische, das Russische und das Lateinische. Als später der achtjährige Bruder mit seinen Schulsachen dazu kommt, blättern wir staunend durch sein Deutschbuch für die dritte Klasse. Wir haben in der Grundschule noch gar keine Fremdsprache gelernt und können uns kaum vorstellen, dass dort heute auf so einem hohen Niveau Sprachen gelehrt werden wie hier. Mich erinnert es an meine Englischbücher in der fünften und sechsten Klasse. Wir sind erstaunt, hier so kurz vor der iranischen Grenze auf Kinder zu treffen, die unsere Sprache lernen.

Wie immer möchten alle auch Mr. Turtle sehen und wir wurden längst dazu eingeladen im Hof zu übernachten. So kommt es, dass wir den ganzen Tag bei der Familie verbringen. Während die Bauarbeiter, die gerade im Hostel übernachten zu Abend essen, zieht Nare mit ihren Schularbeiten an unseren Wohnzimmertisch. Bevor wir schlafen gehen können, müssen wir unsere fast trockene Wäsche abhängen. Es beginnt zu stürmen. Wir schrecken in der Nacht immer wieder aus dem Schlaf, weil eine Böe Mr. Turtle rüttelt. Am nächsten Morgen machen wir noch Ordnung im Bus und geben das letzte Kleingeld aus. Dann fahren wir nervös zur Grenze. Vor ein paar Monaten hatten wir Armenien noch nicht einmal auf unserer Route und nun haben wir 14 schöne, wenn auch leider meist kalte, Tage dort verbracht.

Armenisch-Iranischer Grenzübergang Agarak-Norduz

Der Grenzübergang ist unübersichtlich. Wir fahren an eine Schranke. Daneben ist ein Pförtnerhäuschen, aber zunächst regt sich nichts. Nirgendwo stehen Schilder. Eini glaubt, wir sind am Eingang der russischen Militärstation, ich glaube, es ist die Grenze. Da rührt sich endlich jemand in dem Häuschen. Wir sind richtig. Nachdem wir durch die Schranke gelassen werden, fahren wir auf einen Parkplatz. Vor uns ist ein Gebäude, rechts befindet sich eine Röntgenhalle. Wieder wissen wir nicht, wo wir hinfahren sollen und fragen. Wir sollen parken und in das Gebäude gehen. So betreten wir die Eingangshalle und entdecken ein kleines Büro mit Sichtfenster. Hier will man die Fahrzeugpapiere sehen. Der Fahrer soll zurück zum Auto, der Beifahrer, also ich, weiter durch die Grenzkontrolle im Gebäude. Nachdem ich meinen Ausreisestempel bekommen habe, warte ich am Ausgang auf Eini. Als er angefahren kommt, hat er noch keinen Stempel, aber das Auto wurde schon kontrolliert. Es folgt eine weitere Kontrolle, dieses Mal von den Russen. Wir haben am Vortag unseren Gastgeber vergessen zu fragen, wieso die hier eigentlich stationiert sind, lesen aber später, dass sie auch die Grenze zur Türkei kontrollieren.** Der Russe will auch nochmal in den Bus schauen, dann bekommt Eini seinen Stempel von einem armenischen Beamten. Wir dürfen weiter fahren. Auf der Brücke zwischen der armenischen und der iranischen Seite steht ein weiterer Russe. Er fragt uns, wo wir hinwollen und mich, was ich beruflich mache. Dann sind wir draußen.

 

*Wichtig: Obwohl die Zubereitung dem gleichen Prinzip folgt, ist das hier armenischer Kaffee, kein Türkischer! Armenien liegt in einer schwierigen geopolitischen Lage. Die Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan sind auf Grund der Streitigkeiten dicht. Mit den Nachbarn Iran und Georgien pflegt man gute Beziehungen. Armenien ist davon abhängig, dass es beiden Ländern gut geht, denn hier befinden sich die einzigen offenen Landesgrenzen zu Nachbarländern. Viele Armenier leben im Iran und Georgien. Georgien ist Armeniens einzige Landverbindung nach Russland und man nutzt auch den Hafen am Schwarzen Meer für den Handel.
** Ein Artikel dazu, welchen Einfluss die Russen auf Armenien haben: http://www.deutschlandfunk.de/armenien-und-russland-proteste-in-jerewan-ohne-grosses-echo.795.de.html?dram:article_id=325378

4 Kommentare zu „Über den Meghripass an die Armenisch-Iranische Grenze

  1. Hi Sven, ich wünsch euch schöne Weihnachten im Iran und weiterhin eine Gute Reise! Ist immer wieder spannend von euch zu lesen. Viele Grüße aus Stuttgart Thomas

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    1. Hey Thomas, schön von dir zu hören. Vielen Dank. Ich hoffe das es bei dir um die Weihnachtszeit auch etwas ruhiger wurde. Wir haben Weihnachten im Warmen und ganz entspannt verbracht (Beitrag folgt noch). Hängen zur Zeit etwas hinten dran 😉 Was macht das Leben in Stuggi?
      Grüße
      Sven

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  2. Hey Ihr beiden,
    für 2018 wünsche ich Euch allzeit gute Fahrt, Glück und vor allem Gesundheit!
    Jetzt muss es doch auch bald ein bisschen wärmer werden, bei Euch ist es ja wohl kälter gewesen als hier im Norden…
    Viel Spaß im Iran und alles Liebe
    Uli

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    1. Hallo Uli, vielen Dank für die guten Wünsche! Dir auch noch ein frohes neues Jahr! Was machen deine Reisepläne? Wir sind seit über einem Monat im Iran und hatten im Süden schon viele warme Tage, um uns wieder einzuheizen! Weihachten und Neujahr haben wir nicht gefroren! Den Blog bringen wir jetzt nach und nach wieder auf einen aktuelleren Stand. Viele Grüße Isi und Sven

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