Yazd

Da es von Kerman nach Teheran 1000 Kilometer Strecke sind, machen wir einen Zwischenstopp in der Wüstenstadt Yazd. Wir erleben iranische Gastfreundschaft aber auch die bittere Schattenseite des Reisens.

Für das Indien Visum sind wir auf dem Weg in den Norden. Auf der Fähre von der Insel Qeshm haben wir ein iranisches Ehepaar und ihre Tochter kennengelernt. Die Familie hat uns in ihre Wohnung in Yazd eingeladen. Als wir dort ankommen, ist es bereits Abend. Wir können Mr. Turtle an der Straße vor dem Haus parken. Es ist eine ruhige Seitenstraße und wir machen uns wenig Sorgen, dass jemand versucht einzubrechen.

Iranisches Familienleben

Aria (das war nicht sein echter Name, aber der fällt uns leider einfach nicht mehr ein …), seine Frau Leila und ihre dreijährige Tochter Anna empfangen uns herzlich in Ihrer großen Wohnung. Der gesamte Wohnbereich ist mit Teppichen ausgelegt. An den Wänden stehen Sessel und Sofas. In einer Ecke sind ein Tisch und Stühle an die Wand geräumt und mit einer Plastikplane abgedeckt. Die Mitte des Raumes wirkt fast kahl, wären dort nicht die Teppiche. Bei einem Besuch auf der Toilette merken wir, dass auch die iranischen Badezimmer ganz anders sind, als wir es gewohnt sind. Der Raum ist eine Nasszelle, die Dusche nicht separat abgetrennt. In der Wohnung gibt es eine Toilette im iranischen Stil, also ein Loch im Boden, aber auch ein „normale“ Toilette.

Nach der anstrengenden Fahrt werden wir mit Obst, Nüssen und mit jeder Menge Süßigkeiten verwöhnt. Später am Abend gesellen sich Leilas Bruder und Arias Schwester mit ihrem neugeborenen Kind und die Großeltern dazu. Kurioser Zufall: die Geschwister der beiden sind auch miteinander verheiratet. Hier haben sich wohl ähnliche Geschmäcker getroffen. Da Leila am besten Englisch kann und fleißig übersetzt erfahren wir, dass die eigene Küche heute kalt bleibt. Es gibt, für uns unerwartet aber anscheinend in Iran nicht ungewöhnlich, Fisch n‘ Chips mit Krautsalat. Aria geht los und holt das Abendessen aus einem nahe gelegenen Restaurant.

 

Zu unserer Überraschung wird aber trotz Familienbesuch nicht der Tisch gedeckt. Die Schalen mit dem take away werden zwar darauf gestellt, aber jeder füllt sich dort nur seinen Teller und dann sitzen wir alle wieder auf Sesseln und Teppich verstreut und essen. Anna, anfangs noch etwas schüchtern, taut immer mehr auf und hat offensichtlich ihren Spaß mit uns. Soviel Spaß, dass sie später gar nicht mehr ins Bett will. Nach einem entspannten Abend auf dem Sofa bestehen unsere Gastgeber darauf, dass wir in der Wohnung schlafen. Um genau zu sein: im Schlafzimmer. Sie versichern uns glaubwürdig, dass sie öfters und gerne im Wohnzimmer auf dem Teppichboden schlafen. Auch mehrmaliges Protestieren hilft nicht, wir haben im Schlafzimmer zu schlafen.

Feuertempel, Zoroastrians, Windtürme und iranische Restaurants

Am nächsten Morgen gibt es Frühstück. Leila serviert eine typisch iranische Frühstückssuppe und dazu Brot, Käse und Gemüse. Sie will uns die Stadt zeigen. Da Ihr Mann leider geschäftlich nach Teheran muss, springt Leilas Bruder für ihn ein und fährt uns in seinem Auto bei lauter persischer Musik durch die Stadt. Dabei hören wir meistens das gleiche Lied, nämlich eines, dass Anna besonders gut gefällt. Eine kuriose Beobachtung die wir machen: viele Iraner bedecken ihre Autositze zum Schutz mit Plastikbezügen. Außerdem schnallen sie ihre Kinder nicht an, sondern lassen die sogar noch auf den Sitzen herumturnen. Für uns als Deutsche, die wir nach dem Hinsetzen als erstes nach dem Gurt greifen, eine eigenartige Erfahrung.

Yazd
Iranisches Frühstück mit Suppe.

Unsere erste Anlaufstation ist der Feuertempel der Zoroastrians, Ateshkadeh. Leila besteht darauf den Eintritt zu bezahlen und wir wehren uns mit Händen und Füßen. Sie erklärt uns dann allerdings, dass für Iraner wesentlich günstigere Eintrittspreise gelten und sie den iranischen Preis auch für uns bezahlt. Wir akzeptieren und betreten den Tempel. Die Zoroastrians sind eine eigene Religionsgemeinschaft die das Licht anbeten. Daher wird im Tempel schon seit mehreren hundert Jahren ein Feuer am Leben erhalten. Wir dürfen es durch die Glasscheibe betrachten. Alle Besucher lassen sich außerdem davor fotografieren. Wir schließen uns dem Brauch einfach mal an. Es gibt noch ein kleines Museum mit vielen Informationen über die Religionsgemeinschaft und eine Zisterne.

Als nächste Station stehen diverse Windtürme, die Badgirs, auf dem Programm. Ein besonders imposanter Windturm steht in einer Parkanlage. Diese Türme werden als natürliche Klimaanlagen in der heißen Wüstengegend genutzt. Als Eini den Parkeintritt bezahlen möchte, wird Leilas Bruder schon fast handgreiflich. Nachdem wir uns alles angesehen haben, lassen wir uns in einem Café nieder und machen eine kurze Pause. Dann fahren wir zum zentralen Platz in Yazd, Meydan Amir-Chaqma. Wir laufen auch über den Bazar, doch da heute leider Freitag und somit Sonntag im persischen Kalender ist, ist dieser leider geschlossen.

Schließlich wollen unsere Gastgeber noch mit uns essen gehen. Wir fahren einmal quer durch die Stadt zu einem typisch iranisches Restaurant. Typisch iranisch heißt, es ist laut, hektisch und es herrscht Kantinenatmosphäre. Für unseren Geschmack ist es alles andere als gemütlich. Aber den Iranern scheint es hier zu gefallen. Wir sind laut unseren Gastgebern in einem der beliebtesten und besten Restaurants der Stadt. Bezahlen dürfen wir unser Essen natürlich auch nicht.

Yazd
Mittagessen.

Die Altstadt von Yazd

Inzwischen ist es Nachmittag und wir fahren zurück zur Wohnung. Wir verabschieden uns von unseren Gastgebern und fahren mit Mr. Turtle in die Stadt. Isi hatte im Vorfeld ein Café in der Altstadt recherchiert, wo sie unbedingt noch hin möchte, da man von dessen Dach einen wunderschönen Blick bei Sonnenuntergang genießen können soll. Aber zuerst steuern wir noch die Jameh Freitagsmoschee an. Ein beeindruckendes Bauwerk, bedeckt mit hunderttausenden von kleinen Fliesen. Doch dann müssen wir uns auch schon beeilen. Die Sonne ist kurz davor unterzugehen und wir laufen in das Zentrum der Altstadt. Es besteht komplett aus alten Lehmhäusern, die über schmale Gassen miteinander verbunden sind. Wir wundern uns, wieso unsere Gastgeber uns diesen Teil der Stadt nicht gezeigt haben. Doch die Frage dürfte wohl damit beantwortet sein, dass in der Altstadt keine Autos fahren dürfen.

Vom Dach des Cafés haben wir dann tatsächlich einen traumhaften Überblick über die Altstadt von Yazd bei Sonnenuntergang, ihre Windtürme und Moscheen. Mit einem schönen Gefühl schlendern wir noch durch den ein oder anderen Laden zurück zu Mr. Turtle. Wir sind müde und irren noch etwas durch den Irrgarten der Altstadt, bis wir den Ausgang zur Hauptstraße finden.

Die Schattenseite des Reisens

Und dann passiert etwas völlig Unvorhergesehens. Kurz bevor wir bei Mr. Turtle ankommen werden wir von einem vorbeifahrendem Auto gestoppt. Der Beifahrer weist sich als Polizist aus. Wie uns später klar wird nur flüchtig. Er fragt nach unseren Pässen und sagt, dass er Drogenkontrollen durchführt, da erst am Vortag hier in der Nähe Briten mit Mariuhana erwischt worden wären. Er will unseren Rucksack sehen und wir zeigen ihm skeptisch den Inhalt. Er schnüffelt alles ab und will dann unsere Hosentaschen und unseren Geldbeutel kontrollieren. Uns wird die Sache suspekt und so gebe ich Isi unser Geld bevor ich dem „Beamten“ den Geldbeutel zeige. Nachdem er ihn kontrolliert hat, wendet er sich Isi zu und will nun angeblich prüfen, ob wir Falschgeld haben. Er greift nach dem Geld und Isi hält es fest. Wir glauben die Situation unter Kontrolle zu haben. Doch dann reist er es Isi aus der Hand. Wir nehmen es zurück. Doch plötzlich springt der Mann eilig zurück ins Auto und der Fahrer rast los.

Wir sind völlig verwirrt und haben ein ganz komisches Gefühl. Es dauert noch mehrere Minuten, bis wir realisieren, dass uns Geld fehlt. Obwohl wir dachten, wir haben alles im Blick, hat der „falsche Beamte“ es geschafft vor unseren Augen einige Scheine aus dem Bündel zu ziehen. Blöderweise hatten wir erst zwei Tage zuvor mit unseren dänischen Freunden ihre restlichen Rials gewechselt und über den Besuch bei der Familie in Yazd vergessen es wegzupacken und somit war das ganze Geld noch im Portemonnaie. Etwa 170 Euro von den 200 Euro fehlen jetzt. Wir können nicht glauben, was uns da gerade passiert ist und stehen beide unter Schock.

Bei der iranischen Polizei

In diesem Moment scheint uns das einzig sinnvolle die nächste Polizeistation aufzusuchen. Wir glauben nicht, dass wir unser Geld wieder bekommen. Aber zumindest wollen wir Anzeige erstatten, um vielleicht andere Touristen zu schützen. Es dauert Stunden, bis die Polizei uns an diesem Abend gehen lässt. Nachdem wir den Ärger mehrfach zu Protokoll gegeben haben, der Touristenpolizist eingetroffen ist – der Einzige, der Englisch sprechen kann – müssen wir mit den Beamten noch zum Ort des Raubes fahren. Einer der Läden dort hat eine Überwachungskamera und wir können zumindest das Auto im Vorbeifahren identifizieren. Es erschreckt uns zu sehen, dass die Verbrecher erst an uns vorbeigefahren sind, nachdem wir aus der Altstadt herausgelaufen kommen. Wir haben dann noch kurz einen kleinen Laden betreten, da wir noch Milch kaufen wollten. In dieser Zeit haben sie mit ihrem Auto zurückgesetzt. Während wir also anschließend gedacht haben, dass sie wirklich gerade die Straße heruntergefahren kommen, hatten sie es bereits seit mehreren Minuten auf uns abgesehen. Leider, aber auch glücklicherweise für unsere Nerven, ist die Überwachungskamera nicht so positioniert, dass wir das Geschehen noch einmal sehen können.

Die Qualität des Videos lässt auchzu wünschen übrig. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass die „echten Beamten“ einen recht professionellen Eindruck machen. Nachdem aber nun ein halbes Dutzend Beamten versuchen das Überwachungsvideo mit ihren Smartphones abzufilmen, um dann das Bild in Ihrem Smartphone vergrößern, in der Erwartung das man dann mehr sieht, revidiere ich meinen ersten Eindruck. Wir dürfen immer noch nicht gehen. Zurück in einer anderen Polizeistation sollen wir noch anhand von Bildern den vermeintlichen Täter identifizieren. Nach ewigem Warten präsentieren uns die Beamten ein (!) Bild. Natürlich ist es nicht der Täter und sie entlassen uns in die Nacht. Es ist inzwischen 23 Uhr. Wir wollen nur raus aus der Stadt und ignorieren, dass uns der Beamte gerne am nächsten Morgen um neun Uhr wieder sehen will.

So fahren wir ein gutes Stück aus der Stadt heraus und suchen, mal wieder im Dunkeln, einen Schlafplatz. Am Fuß einer alten Festung der Zoroastrians werden wir fündig und versuchen zu schlafen. Das klappt auch erst, doch Isi wacht um vier Uhr auf und kann für mehrere Stunden nicht mehr Schlafen. Als wir beide später wieder einschlafen, wachen wir erst um elf Uhr auf. Wir sind fix und fertig. Der Polizist hat uns bereits versucht anzurufen. Wir lassen uns nicht noch mehr stressen, machen Yoga und besichtigen in aller Ruhe die Festung.

Nachdem der Beamte in einer Nachricht schreibt, es gäbe Neuigkeiten, machen wir uns doch auf in die Stadt. Dort müssen wir allerdings schnell feststellen, dass es tatsächlich keine Neuigkeiten gibt. Wir bekommen noch ein (!) anderes Foto vorgesetzt und sollen dann mit einem Beamten ein Phantombild erstellen. Die Software ist allerdings so unprofessionell, dass es kaum möglich ist irgendwelche Variationen ins Spiel zu bringen. Wir sind so froh, als der Beamte uns endlich entlässt.

So schön der erste Teil unseres Besuches in Yazd war, werden wir das Erlebte wohl nicht so schnell vergessen. Wir hätten nie gedacht, dass uns so etwas passieren kann. Obwohl wir dachten, wir hätten die Situation unter Kontrolle, war leider das Gegenteil der Fall. Wir können uns selber nicht erklären, wieso wir uns den Ausweis nicht noch einmal haben zeigen lassen. Wieso wir nicht darauf bestanden haben uns in einer Polizeistation durchsuchen zu lassen. Wieso wir auf offener Straße unseren Geldbeutel auspacken. Das der Vorfall auch noch genau an dem Tag passiert ist, an dem wir so viel Geld bei uns haben wie sonst nie auf dieser Reise, ist das größte Pech.

Die Pilgerstätte Chack Chack

Wir verlassen die Stadt und fahren weiter Richtung Norden. Dabei nehmen wir noch einen größeren, aber landschaftlich wunderschönen, Umweg in Kauf und besichtigen die Pilgerstätte Chack Chack. Die Stätte selber ist, obwohl direkt an einen Berg gebaut, eher unspektakulär. Auch hier gibt es einen Feuertempel. Den schauen wir uns dann nicht einmal an. Wir sind wesentlich mehr von der Landschaft, der Aussicht und dem Sonnenuntergang angetan. So fahren wir, mal wieder im Dunkeln weiter Richtung Teheran. Inzwischen ist es aber schon wieder ziemlich spät. Wir sind müde und müssen kurz vor Teheran stoppen. Praktischerweise kennen wir hier ja schon einen ruhigen Schlafplatz in der Wüste in Autobahnnähe. Hier haben wir auf unserem Weg in die Maranjab schon geschlafen. So setzen wir am nächsten Tag ausgeschlafen unsere Fahrt bis Teheran fort.

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