Das Pakistan Logbuch Teil 1

Pakistan nimmt uns unsere gewohnte Reisefreiheit. Von der iranisch-pakistanischen Grenze in Zahedan über Quetta und durch die Provinzen Belutschistan, Sindth und Punjab begleiten uns bewaffnete Eskorten. In der Nacht schlafen wir auf dem Gelände von Polizeistationen. 

An der iranisch-pakistanischen Grenze in Zahedan kümmern sich die Beamten schnell um uns. Was uns im Unterschied zum Iran gleich auffällt ist, dass hier schon viel mehr Leute Englisch sprechen. Wir müssen wieder verschiedene Angaben machen. Genau wie im Iran muss man auch in Pakistan überall wieder den Namen seines Vaters angeben. Zügig bekommen wir unsere Einreisestempel. Schließlich eskortiert man uns zu einem Gelände, dass mit einem Tor verschlossen ist. Als man uns dort hineinlässt, verstehen wir nicht, was wir hier sollen. Der Innenhof sieht aus wie ein Schrottplatz. Das Gebäude ist heruntergekommen. Dann erfahren wir, dass das hier die Polizeistation ist. Unsere Passdaten werden in einem Buch eingetragen. Und dann bekommen wir die Information, dass wir erst am nächsten Morgen weiter dürfen. Dank der eineinhalb Stunden Zeitumstellung nach vorne ist es inzwischen halb eins statt wie eben noch 11 Uhr. Zu spät um uns heute noch eine Eskorte zu organisieren.

Nach der ersten Enttäuschung versuchen wir uns zu entspannen. Wir fühlen uns trotzdem wie Gefangene. Am Abend sollen wir den Bus umparken, um näher am Büro des diensthabenden Polizisten zu stehen. Etwa 30 Männer werden in die Station geführt und registriert. Was es damit auf sich hat, verstehen wir nicht. Am Abend lädt uns der Provinzpolizeichef in einen kalten kargen Raum auf einen Tee ein. Er ist zufällig für einen Termin hier und möchte sich mit uns unterhalten. Wir bekommen grünen Tee und eine Dose mit Limonade angeboten. Er stellt neugierig (und angeblich völlig inoffiziell …) Fragen zu unserer Reise. Und er entschuldigt sich dafür, dass es in der Station keinen schönen Raum gibt, indem wir uns aufhalten können und das er das zukünftig gerne hätte. Plötzlich geht das Licht aus. Stromausfall. Die herumsitzenden Polizisten machen mit ihren Handys Licht. Wir sind müde und haben eigentlich gar keine Lust uns weiter zu unterhalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit möchte er noch den Bus sehen. Dann sind wir entlassen.

Die Pakistandurchquerung war bisher der anstrengendste und sicher aufregendste Teil der Reise. Wir haben während der Fahrt viele Notizen gemacht, um festzuhalten, wie es uns erging. Damit man das beim Lesen ein bisschen Nachfühlen kann, veröffentlichen wir im Folgenden einen Teil dieser Notizen nur wenig überarbeitet. 

Belutschistan Etappe 1: Zahedan bis Dalbadin

Abfahrt angekündigt um 8.30 Uhr. +++ Bis um 11 Uhr warten wir auf die erste Eskorte. Die fragt uns, wie schnell wir fahren können. Wir sagen 80 km/h je nach Straßenbedingungen und fahren den beiden Männern hinterher. Sie geben Gas. +++

1. Checkpoint: Hier müssen wir wieder unsere Passdaten in einem Buch aufschreiben und gleich für ein Runde Selfies machen herhalten. +++

2. Checkpoint: Während wir die Daten aufschreiben, werden wir zum Tee eingeladen. +++ 1. Eskortenwechsel. Jetzt haben wir eine neue Eskorte im Auto vor uns und einen Levie mit Kalashnikov auf dem Beifahrersitz. „Abdullah“ ist 26 Jahre alt. Er erzählt uns, dass Kinder in seinem Dorf nur mit fünf bis zehn Jahren die Schule besuchen. +++

Als wir in dem Dorf ankommen, müssen wir an der Polizeistation warten. Auch sie steht voll mit schrottreifen Autos. Nach circa 30 Minuten kommt die nächste Eskorte und fährt erstmal tanken. Als sie uns abholt, lässt einer der Levies noch gemütlich eine Tüte Gras in der Hemdtasche verschwinden. +++

Noch im Dorf folgen Checkpoint 4 und 5.  +++ 

20 Minuten später erreichen wir den 6.Checkpoint mitten im Nichts. Wir müssen trotz Sandsturm aussteigen. Nicht einmal der Horizont ist mehr zu erkennen. In einem kleinen Steingebäude müssen wir wieder die Passdaten in einem Buch aufschreiben. +++

Checkpoint 7: Wieder sitzen wir in einer Hütte beim Tee. Der Sandsturm ist in vollem Gange. 2. Eskortenwechsel. Jetzt sitzt „Nassechan“ auf dem Beifahrersitz. +++
Checkpoint 8: Nassechan steigt aus,Abdullbassit“ steigt ein. Dieses Mal müssen wir keine Passdaten eintragen. +++ Ständig fragen uns die Männer die gleichen Sachen: Seid ihr verheiratet? Seit wann? Warum habt ihr keine Kinder? Was sind eure Jobs? +++ Wir erzählen jedem, dass wir seit zwei Jahren verheiratet sind und keine Kinder haben, weil wir erstmal reisen. +++ Abdullbassit ist 27 Jahre alt, seine Frau 21 Jahre und ihre drei Kinder 4 und 2 Jahre und 3 Monate. +++ Die erste Erschöpfung macht sich breit. +++

Checkpoint 9. +++ Checkpoint 10: Zum ersten Mal können wir sitzen bleiben, denn das Buch wird uns durchs Fenster gereicht. +++ Checkpoint 11. +++

Ende der Tagesetappe gegen 18 Uhr im Dorf Dalbadin. +++ Man bringt uns zu einem Hotel. Wir wissen aus Erfahrungsberichten, dass man hier überall abgezockt wird. Da wir ohnehin im Iran kein Geld mehr wechseln konnten und uns auf den schlechten Kurs des Grenzwechslers nicht einlassen wollten, lügen wir nicht einmal, als wir sagen, dass wir kein Geld dafür haben. Wir wissen, dass man an den Polizeistationen umsonst parken darf. Der Polizeichef jammert noch etwas davon, dass die Touristen nie Geld haben und bringt uns dann dort hin. +++

An der Polizeistation haben wir ein neues Problem. Mr. Turtle ist zu hoch, um mit ihm vollständig in den Innenhof zu fahren. Wir passen zwar durch das Tor, blockieren aber so den Ein- und Ausgang. +++ Im Innenhof stehen währenddessen die Gefangenen an den Gittern und schauen sich das Spektakel an. +++ Die Levies wollen, dass wir die Box vom Dach herunterholen. Sie sind überzeugt, wir würden dann hineinpassen. Wir sind müde und genervt und erklären immer wieder, dass es auch dann nicht passen wird, weil mindestens der Aufbau mit der Solarzelle zu hoch ist. Nach einer langen Diskussion gibt sich Eini geschlagen und baut die Box ab. Dann fährt er ein Stück vor. Noch bevor wir überhaupt die Solarzelle erreichen können wir schon nicht weiter, weil der Campingtisch im Weg ist. Jetzt sehen es auch die Levies endlich ein. Es wird telefoniert und diskutiert. Dann heißt es, wir sollen bis um 22 Uhr vor der Station parken und danach im Eingang. Wir fahren raus und Eini montiert die Box wieder auf dem Dach. Und dann geht der Sandsturm schon wieder los, wir können die Küche nicht benutzen. Wir sind fix und fertig und wollen nur noch unsere Ruhe. +++

Um 21 Uhr klopft ein Polizist und fragt, ob unser Wachmann sich ins Auto setzen darf. Uns war gar nicht bewusst, dass er die ganze Zeit im Sandsturm stand. Obwohl wir schon im Bett liegen, sitzt nun für die nächste Stunde der Mann mit seiner Kalashnikov auf dem Fahrersitz. Um zehn Uhr können wir dann endlich im Eingang parken und schlafen. +++

Belutschistan Etappe 2: Dalbadin bis Quetta 

Um 5 Uhr werden wir geweckt. Ein Auto muss aus der Polizeistation heraus fahren. Eini steht kurz auf und macht Platz. +++ Dann können wir bis um 7 Uhr weiterschlafen und in der Station frühstücken. Dabei schauen die Levies interessiert zu und wollen natürlich noch Selfies machen, bevor wir weiterfahren. +++ Um 8.30 Uhr geht es los. Wir haben wieder eine Eskorte vor uns und einen Levie auf dem Beifahrersitz. +++ Checkpoint 1: Noch bevor wir Dalbadin verlassen werden wir kontrolliert.+++ Im Auto verliert unser Levie gleich mal eine Patrone aus seinem Gürtel und muss sie suchen. +++ Checkpoint 2: Hierwir werden wir zur Abwechlung mal wieder ausgefragt.   Man lädt uns auf die Picknickdecke zu Tee und Keksen ein. Wir warten etwa 20 Minuten auf die Eskorte 2. Die kommt mit einem Reisebus. Zwei malaysische Radreisende steigen mit ihrem Levie aus. Wir können nur wenige Sätze wechseln, denn hinter dem Bus kommt auch schon die dazugehörige Eskorte angefahren. Gepäck und Räder werden auf das andere Fahrzeug umgeladen, dann geht es auch schon weiter. Wieder haben wir einen Levie im Auto. +++

Plötzlich überholt uns ein Pickup mit getönten Scheiben. Hinten drauf sitzen zwei vermummte Männer mit Maschinengewehren. Ein Mann winkt aus dem Auto, Eini winkt zurück. Plötzlich hält unsere Eskorte an. Der Pickup hat sie zum Halten gebracht. Unser Levie steigt schnell aus dem Auto, die Eskorte vor uns steigt auch aus. Die Männer vom Pickup kommen auf uns zu. Uns beiden sackt der Puls ab. Was ist hier los? +++  Dann sehen wir ein vertrautes Gesicht. Wir sind erleichtert. Der Provinzpolizeichef läuft lächelnd auf uns zu. Er hatte Eini gewinkt, aber Eini hatte ihn nicht erkannt. Er ist auf dem Weg zurück nach Quetta und möchte uns heute Abend treffen. Wir bekommen seine Telefonnummer und er sagt noch nachdrücklich, dass er unseren Anruf erwartet. +++

Unsere Eskorte fährt nur noch 60 km/h. Von dem Levie auf dem Beifahrersitz erfahren wir, dass das Auto angeblich neue Bremsen hat. +++ Dann ist plötzlich Eskortenwechsel3 mitten auf der Straße ohne Checkpoint in der Nähe. Mir Flattern die Nerven. +++  Wir bekommen Salat geschenkt und einen neuen Levie. +++

4. Eskortenwechsel +++  Dieses Mal haben wir keinen Beifahrer und ich kann wieder vorne sitzen. +++ 5. Eskortenwechsel +++ Ein Levie fragt, ob wir eine Liebesheirat oder eine engagierte hatten, ob wir Christen und wie alt wir sind. Das Auto der Eskorte ist ziemlicher Schrott. Ich fahre weiter, während Eini auf dem Rücksitz zu Mittag isst. +++ Kurz darauf kommt Checkpoint 4 und 6. Eskortenwechsel. Wir sind wieder allein im Bus. +++ Die Landschaft wird bergiger. Es geht durch Kurven und bergauf und bergab. +++ Es sind immer noch 150 Kilometer bis Quetta. +++

Kurz vor der Passhöhe bleibt unserer Eskorte plötzlich stehen. Wieder spannen sich bei uns alle Muskeln an. +++ Dem Fahrzeug ist der Diesel ausgegangen. Gemütlich wird aus dem Ersatzkanister nachgefüllt. Für die Eskorte ein guter Zeitpunkt unsere Namen in ein Buch einzutragen. Ich bin fix und fertig. +++ Knappe fünf Kilometer später ist fliegender 7. Eskortenwechsel: Vom Straßenrand fährt die neue Eskorte los und setzt sich vor unsere Aktuelle. Auf Höhe eines Checkpoint schert dann unsere bisherige Eskorte aus und winkt uns weiter. +++ Wir fahren wieder durch die Ebene, aber die Straße ist nicht so gut. +++ Tempo 50 bis 60 km/h. +++ Noch 130 km bis Quetta. +++ Knapp fünf Kilometer später und ist der nächste fliegende 8. Eskortenwechsel. Ein neueres Fahrzeug wechselt den Platz mit dem schäbigen blauen Pickup, der  eben noch vor uns war. +++ Wir fahren jetzt immerhin wieder 70 bis 80 km/h. +++ 124 km bis Quetta. +++

Nach etwa sechs weiteren Polizeikontrollen, acht weiteren Eskortenwechseln und insgesamt zehneinhalb Stunden Fahrt, erreichen wir endlich die Polizeistation in Quetta. Bei einer der Kontrollen wurden wir von einem sehr unsympathischen Polizisten zu unserem Trip ausgefragt, bevor es weiterging.

In Quetta parken wir im Polizeibezirk an der Straße vor der Station. Ich bin nach dem langen Tag mit den Nerven am Ende, doch wir müssen uns noch registrieren. Die netten Polizisten der Spätschicht kochen uns Tee und lassen uns ihr WLAN benutzen. Außerdem kann Eini ihr Handy benutzen und die Einladung des Provinzpolizeichefs ausschlagen. Mit letzten Kräften bauen wir danach noch die Dusche auf, kochen Abendessen und fallen ins Bett. Am nächsten Morgen müssen wir wieder früh aufstehen. Bevor die Fahrt weitergehen kann, müssen wir beim Home Department in Quetta noch ein offizielles Reisedokument beantragen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s