Das Pakistan Logbuch Teil II

Auch beim Verlassen von Quetta bleiben uns die Polizeieskorten nicht erspart. So hatten wir leider nur wenig Gelegenheit Land und Leute kennen zu lernen. Für einen halben Tag hat uns die Polizei dann doch einmal alleingelassen – genau da, wo wir sie gebraucht hätten. 

Wir fühlen uns wie Asterix und Obelix im Haus der Verrückten, auf der Jagd nach Passierschein A38, als wir in Quetta unser Reisedokument zur Weiterfahrt erhalten sollen. Glücklicherweise schaffen wir das bis zum Mittag und werden von einer gepanzerten Eskorte wieder aus der Stadt geschleust. Wie an den beiden Vortagen werden wir anschließend von einer Eskorte zur anderen weitergereicht. Der Tag zieht sich dahin und es wird später und später. Wir vermuten, dass der Ort Sibi unser Tagesziel sein wird. So wirklich erfahren tut man von den Begleitern hier eher nichts. Wir passieren Sibi, wundern uns etwas, folgen aber weiter fleißig der Eskorte, die uns sowieso keine andere Wahl lässt. Es ist schon Nachmittag. Wahrscheinlich wird es Jacobabad, auch wenn es bei der Ankunft doch schon dunkel sein wird.

Beim nächsten Eskortenwechsel versuchen wir herauszufinden wo die Reise hingehen soll, aber wie auf Kommando versteht auf einmal keiner mehr Englisch. Der nächste Wechsel ist wieder ein fliegender und so langsam sind wir fix und alle. Es scheint unmöglich, den Eskorten klar zu machen, dass wir einen Schlafplatz wollen. Beim nächsten Eskortenwechsel – inzwischen in völliger Dunkelheit – fangen wir an die Polizisten anzuschreien. Und so langsam scheint man uns zu verstehen. So werden wir nach einem unendlichen Tag abends um elf Uhr zur Polizeistation der Stadt Shikarpur eskortiert. Die örtlichen Polizisten sind dann auch wieder wesentlich freundlicher und verstehen uns auch. Die Frage wann es am nächsten Tag weiter gehen soll, können und wollen wir nicht beantworten. Völlig fertig bauen wir das Bett auf und gehen schlafen.

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Mr. Turtle vor dem Polizeirevier in Shikarpur.

Am nächsten Morgen schlafen wir aus. Doch sobald wir das erste Mal die Köpfe aus dem Bus strecken bildet sich eine Menschentraube um uns. Auf dem Gebiet der Polizei liegt auch eine Schule und diverse andere Einrichtungen. Der Polizeichef kommt und stellt sich vor. Er will uns unbedingt seine Station zeigen. Wir vertrösten ihn auf später. Wir wollen frühstücken und so machen wir umzingelter Weise Frühstück. Danach folgen wir seiner Einladung. Sichtlich stolz zeigt er uns das ziemlich heruntergekommene Revier. Sein Highlight ist der Funkraum. Ein karg eingerichtetes Büro, in dem in der Ecke ein CB-Funkgerät steht mit dem er „mit jedem Polizisten in der Provinz Kontakt aufnehmen kann“. Wir werden zum obligatorischen Tee und Keksen eingeladen und Isi darf auf dem Chefsessel Platz nehmen. Die Polizisten wollen uns eigentlich nicht gehen lassen und würden uns gerne noch zum Mittagessen dabehalten, aber uns zieht es dann doch weiter zur nächsten Station.

Einkaufen mit Eskorte in Sukkur

Unser „Pausentag“ soll uns heute nur nach Sukkur, etwa zwei bis drei Stunden Fahrt weiter durch Pakistan bringen. Und dort sind wir dann auch schon um die Mittagszeit. Einzig die Tatsache, dass wir die letzten 15 Kilometer von einem übergewichtigen Polizisten auf einem Mopped eskortiert werden, zieht die Etappe etwas in die Länge. Wir lassen uns wieder zur Polizeistation bringen und bekommen eine ruhige Ecke im Innenhof. Nach dem obligatorischen Papierkram bei Tee bequatschen wir einen jüngeren aber auch sehr symphatischen Beamten. Wir wollen eine SIM-Karte und etwas Obst und Gemüse kaufen.

Nachdem wir ein paar Stunden auf eine Eskorte warten, die sich als bewaffneter Levis herausstellt, geht es los. Der junge Polizist möchte uns begleiten und so fahren wir zu viert mit Mr. Turtle in das Stadtzentrum zum Telefonladen. Dann geht es weiter zum Basar. Parken sollen wir natürlich direkt davor auf der Straße. Ein umstehender Verkehrspolizist wird kurzerhand dazu abkommandiert den Bus zu bewachen. So können wir unter hunderten neugierigen Blicken frische Lebensmittel kaufen. Ein älterer Mann in Zivil spricht unsere Begleitung an. Es stellt sich heraus das es sich dabei um einen höheren Beamten handelt und unsere Begleitung eine ordentliche Standpauke bekommt, da es viel zu gefährlich sei mit uns hierher zu gehen. Wir haben ein schlechtes Gewissen aber unsere Begleitung winkt ab. Wir sollen uns nicht zuviel Gedanken machen.

Wie man sich in einer Polizeistation die Zeit vertreibt

Die Abfahrt am nächsten Morgen verzögert sich unendlich. Aus Langeweile fangen wir an auf dem Hof der Polizeistation Mr. Turtle zu waschen. Die Beamten bringen uns auch gleich einen Eimer. Dabei werden wir neugierig von vier Jungs auf Ihren Fahrrädern beobachtet. Als sie erfahren, dass wir auch Fahrräder dabei haben, wollen sie diese natürlich gleich sehen und so öffnen wir unsere Box. Da wir immer noch warten müssen, nutzte ich die Gelegenheit und pumpe bei den Jungs die Reifen richtig auf und schmiere Ihre Fahrradketten. Dann geht es endlich weiter. Nach dem zweiten Eskortenwechsel und immerhin schon über einhundert Kilometern Strecke sind wir an der Grenze zum Punjab. Die Eskorte fragt uns, ob wir unsere weitere Begleitung organisiert hätten. Wir sind verwirrt. Nach ein paar Minuten verlässt uns unsere Eskorte und sagt wir können nun alleine weiterfahren. Wir können unser Glück kaum fassen. Aber es sollte alles bald noch viel schlimmer kommen.

Eine Nacht im Stau

Denn keine 15 Kilometer später ist unsere neugewonnene Freiheit schon wieder vorbei. Vollsperrung auf dem Highway. Der Polizist an der Sperre zeigt uns auf der Karte eine, seiner Meinung nach, gute Umfahrung und wir folgen dem Vorschlag. Doch schon nach kurzer Zeit geht nichts mehr wir befinden uns auf einer staubigen Nebenstraße und stecken im Stau. Zu allem Überfluss lässt sich auch Mr. Turtle nicht mehr richtig schalten. LKWs und Busse drücken sich an Bäumen vorbei und der Verkehr kommt immer wieder komplett zum Erliegen. Irgendwann geht es weder vorwärts noch rückwärts. Wir stehen seit Stunden im Stau und haben uns wahrscheinlich fünf Kilometer vorwärts bewegt. Es wird dunkel und wir sind in der letzten Stunde keine 200 Meter weit gekommen. Mal wieder sind wir fix und fertig. In einer hitzigen Diskussion beschließen wir uns direkt neben die Straße zu stellen und das Bett aufzubauen. Wir schauen eine Serie, an Schlaf ist nicht zu denken.

Immer wieder schleichen Neugierige um den Bus und versuchen mit Taschenlampen hinein zu leuchten. Auf einmal versucht jemand den Bus zu öffnen. Ich schaue zum Dachfenster hinaus, sehe zwei Polizisten und scheiße sie zusammen. Sie ziehen unter Gelächter ab. Wir fühlen uns nicht wirklich sicher. Um elf Uhr abends, im Stau hat sich nichts bewegt, klopft wieder jemand an den Bus. Es sind zwei andere, wesentlich freundlichere Polizisten. Diese bitten uns darum fünfzig Meter weiter neben einer Wellblechhütte zu parken. Wir verstehen nicht, folgen aber der Anweisung.

Nach einer unruhigen Nacht scheint sich ein Teil des Staus aufgelöst zu haben. Außerdem stellen wir bei Tageslicht fest, dass es sich bei der Wellblechhütte um einen Polizeiposten handelt. Wir bedanken uns und fahren weiter, nur um nach ein paar Kilometern wieder im Stau zu stehen. Schnell drehen wir um, solange wir dafür noch Platz haben. Glücklicherweise finden wir am Flussufer eine Umfahrung der Umfahrung und so kommen wir über kleinere Dörfer immerhin vorwärts. Und sind irgendwann wieder auf dem Highway. Mr. Turtle, den wir am Vortag noch so ausgiebig gewaschen haben, sieht aus, als hätten wir eine Geländesafari hinter uns.

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Im Stau, nichts geht mehr.

Eskorten-Schikane und freundliche Tankstellenbesitzer

Wir fahren noch nach Multan und checken dort freiwillig wieder bei der Polizeistation ein. Nach einigen Diskussionen dürfen wir dann auch auf einem ruhigen Wiesenstück stehen bleiben. Dort fange ich an die Ursache unseres Schaltproblems zu suchen und werde schnell fündig. Eine Kunststoffkugel, die die Schaltbewegung überträgt, ist zerbrochen. Ein bekanntes T4-Problem und so zaubere ich das passende Ersatzteil aus unserer Kiste. Nach einer knappen Stunde ist alles wieder wie neu. Die Polizisten vor Ort schenken uns Gemüse und Isi kann, nachdem sie den gaffenden Männern mehr oder weniger erfolgreich erklärt hat, dass sie Privatsphäre braucht, etwas Yoga machen.

Am nächsten Morgen geht die Reise nun leider wieder mit Polizeischutz weiter. Und diesmal haben wir eine Eskorte, die ganz offensichtlich zu viele Hollywood-Filme schaut. Sie fahren wie die bekloppten durch den dichten Verkehr und geben uns immer wieder zu verstehen, dass wir dran blieben sollen. Als ein Rischka-Fahrer nicht schnell genug ausweicht, machen sie eine Vollbremsung auf der Überholspur und zwingen auch uns zur selbigen, mitten auf dem Highway. Die Polizisten steigen aus und einer von ihnen fängt an auf den Rischka-Fahrer einzuschlagen. Wir sind schockiert, fahren auf die Seite und schreien die Polizisten zusammen. Anfangs lachen sie noch, merken dann aber schnell, dass wir es verdammt ernst meinen und kehren zum Auto zurück.

Wir haben genug von den Eskorten und so nutze ich den Verkehr, um mich abwechselnd weit zurückfallen zu lassen oder um mich  vor die Eskorte zu setzen. Irgendwann ist die Gelegenheit da. Die Eskorte steckt hinter uns zwischen LKWs fest und ich gebe Gas. So gewinnen wir einen deutlichen Abstand und im nächsten Ort biegen wir schnell in eine Tankstelle, etwas abseits der Straße ein. Es funktioniert, wir haben sie abgehängt. Wir nutzen die Toilette der Tankstelle und werden gleich darauf vom Besitzer in sein Büro eingeladen. Er freut sich Touristen zu treffen und wir werden zu Tee und Essen eingeladen. Er schickt seinen erwachsenen Sohn in den Tankstellenshop, um uns Proviant einzupacken. Nach fast zwei Stunden Pause verlassen wir die Tankstelle mit zwei Tüten voll Keksen, Chips und Wasser. Wir freuen uns unserer Freiheit. Volle fünf Minuten lang. Denn an der nächsten Mautstelle wartet bereits unsere Eskorte. Ihre Laune ist nicht so gut. Isi hat aber längst alle Hemmungen verloren und schreit mindestens genauso laut zurück. So lassen wir uns weiter Richtung Lahore eskortieren. Allerdings verschwindet die Eskorte irgendwo im dichten Verkehr vor Lahore und das war dann auch das Letzte, was wir von ihr sehen sollten.

Christen in Lahore

In Lahore wollen wir eine bestimmte Adresse anfahren. Isi hat im Vorfeld mit einem holländisch-slowenischen Pärchen Ana & Jelle Kontakt aufgenommen. Diese sind über Workaway im Haus einer Christlichen Gemeinschaft untergekommen und haben für uns organisiert, dass wir vorm Haus parken können. Nach einigen gescheiterten Versuchen auf der Suche die Straße zu finden, bei denen uns auch ein Verkehrspolizist nicht helfen konnte, landen wir in immer enger werdenden Gassen. Irgendwann schaffen wir es unsere Gastgeber zu treffen und werden zum Haus gelotst. Nebenan ist gerade eine pakistanische Hochzeit im Gange und im Haus sind alle auf Trab. Wir lehnen dankend ab dort mit hinzugehen. Ana und Jelle haben uns gerade erzählt, dass bei ihrem Besuch auf der vorherigen Hochzeit sie die Attraktion waren und sie eine lange Selfie-Schlange abarbeiten mussten. Dafür sind wir heute definitiv zu müde. Auch das aus Fleischgerichten bestehende Hochzeitsbuffet kann uns nicht reizen ….

Vier Tage lang erholen wir uns in Lahore von den Strapazen der Durchquerung. Wir sind einfach nur müde. Und wir werden von unseren pakistanischen Gastgebern bekocht und bemuttert, so dass es fast schon wieder zuviel des Guten ist. Wir sind bei den Leitern und Lehrern von zwei christlichen Schulen gelandet, die versuchen das Elend in den allgegenwärtigen Ziegelbrennereien zu minimieren. So lernen wir die nächsten Tage viel über das Leben der Christen  und vor allem über die illegalen Geschäft der Ziegel in Pakistan kennen. Und wir sollen auch die Schule besuchen, die Kinder freut es offensichtlich. Weitere Infos zu dem Thema gibt es auch unter http://miracleschoolministries.com.

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Die Wagha Grenze.

Die Zeremonie an der Wagha-Grenze

Um zu Entspannen, gehen wir in den nahegelegenen Stadtpark und Isi nutzt die neugewonnene Kopftuchfreiheit für ein paar Joggingrunden. Dabei fällt uns auf, dass in dem Park nicht gerade wenig Frauen oben ohne unterwegs sind. Mit Ana und Jelle besuchen wir dann auch die Grenzschließung-Zeremonie an der Pakistanisch-Indischen Wagha Grenze. Die beiden Länder sind nicht unbedingt als gute Freunde bekannt. Und so wird jeden Nachmittag unter großem Zuschauerandrang eine Zeremonie zur feierlichen Grenzschließung abgehalten. Es ist laut und stimmungsvoll. Am nächsten Tag überqueren wir dann genau diese Grenze mit Mr. Turtle. Es ist schon Nachmittag und die Zuschauerränge füllen sich bereits, als wir durch das schmiedeeiserne Tor hindurch nach Indien rollen.

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Auf Wiedersehen Pakistan. Namaste Indien.

 

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