Rishikesh

In Rishikesh drängen sich Affen, heilige Kühe, Pilger, Touristen und Rollerfahrer gleichzeitig durch die Gassen und auf die schmalen Hängebrücken über dem Ganges. Überall gibt es Tempel, Ashrams und Yogaschulen, German Bakeries und Souveniershops, Kuhscheiße und Müll.

Als wir aus Chandigarh herausfahren, glaube ich Hunde auf der Straße zu sehen. Erst einen Augenblick später erkenne ich die Affen die dort herumturnen. Wir folgen zunächst einer Landstraße in Richtung Rishikesh. Doch dort kommen wir nur mit maximal 40 Km/h vorwärts und müssen ständig überholen. Um uns herum sind Tuk Tuks und Traktoren, Mopeds und verrückt überholende LKWs. Nach einem Blick auf die Karte ändern wir die Route und fahren einen Bogen in Richtung eines Highways.

Doch es stellt sich schnell heraus: der Highway ist noch im Bau und die Baustellenführung entspricht keinen westlichen Standards. Genau genommen gibt es keine Baustellenführung. Mal können wir die schon fertigen zwei Spuren unserer Richtung allein nutzen, dann ist plötzlich auf unserer Überholspur der Gegenverkehr unterwegs. Mal geht es über die beiden rechten Spuren, dann müssen wir aufpassen, die Abzweigung auf die linke Seite zu nehmen, um nicht plötzlich ungewollt im Gegenverkehr unterwegs zu sein. Die vielen Geisterfahrer, die anscheinend Abzweigungen verpasst oder einfach keine Lust auf ständiges Seiten wechseln haben, sind ein zusätzlicher Stressfaktor. Und es dauert auch nicht lange, bis wir selber als Geisterfahrer auf der falschen Seite landen und schnell wieder abdrehen müssen. Eine scheinbar endlose Odyssee.

Kein Schlafplatz in Tapovan

Vor Risikesh stehen wir dann noch eine Weile im Nichts-geht-mehr-Stau. Bis wir endlich unser Ziel, den Stadtteil Tapovan, erreichen, ist es schon lange dunkel. Die iOverlander App zeigt uns eine Park- und Übernachtungsmöglichkeit bei einem Gästehaus an. Und so biegen wir von der Hauptstraße in eine Nebenstraße die steil den Berg hinaufführt. Wir passen gerade so durch die enge Gasse und fahren immer steiler zwischen den Häusern hinauf. Allerdings beschleicht uns mehr und mehr das Gefühl, das wir hier falsch sind. Irgendwann ist dann auch Schluss. Auch eine andere Straße bringt uns nicht ans Ziel. Nur Dank der Hilfe junger Einheimischer können wir uns wieder rückwärts den Berg hinunter manövrieren. Kurz überlegen wir, direkt an der Hauptstraße zu nächtigen und am Morgen weiter zu sehen. Schnell schicke ich noch unseren dänischen Freunden eine Nachricht. Sie waren ein paar Wochen zuvor hier und zufälligerweise kommt prompt eine Antwort mit Koordinaten für einen Schlafplatz außerhalb der Stadt. Wir fahren auf die andere Seite des Ganges und die kurvige Bergstraße hinauf in den Rajaji Nationalpark. Mitten im Dschungel gibt es neben der Straße ein bisschen Platz. Nur eine ebene Fläche suchen wir vergeblich. Doch mit Unterlegkeilen und Spaten können wir nach einigem hin und her einen passablen Schlafplatz herrichten.

Affentheater am Morgen

Am nächsten Tag werden wir von einem Klopfen geweckt. Doch der bettelnde Pilger entschuldigt sich, als er versteht, dass er uns geweckt hat und zieht gleich weiter. Wir parken direkt an einem Wanderweg der von Tapovan zum Hindutempel Neelkanth Mahadev führt. Nach dem Frühstück entdecken wir in geringer Entfernung die ersten Affen. Langsam aber sehr zielstrebig kommt die Gruppe in unsere Richtung. Wir räumen schnell alles weg und machen die Türen zu. Kurz darauf ist Mr. Turtle dann erstmal ein Affenspielplatz und wird von allen Seiten inspiziert. Alles in allem bleiben die Affen aber überraschend ruhig und friedlich.

Wir beschließen gegen Mittag auch den Pilgerweg zum Tempel zu laufen. Gerade als wir einen Rucksack packen, kommt ein deutsches Pärchen vorbei. Es stellt sich bald heraus, dass uns mehr als nur die Staatsangehörigkeit verbindet: Bernd und Ulli sind Nachbarn der Familie einer Freiburger Freundin. Von oben kommt gerade ein indischer Pilger dazu. Hambir ist natürlich barfuß unterwegs und traditionell in eine weiße Kutte gehüllt. Wir brauchen noch etwa eine Viertelstunde, bevor auch wir losgehen und holen die beiden bald wieder ein. Im Schlepptau haben sie Hambir, der spontan beschlossen hat, noch ein zweites Mal zum Tempel zu laufen und uns allen dabei nicht mehr von der Seite zu weichen.

Die Wanderung zum Neelkanth Mahade Tempel im Outdoor-Tagebuch.

Am nächsten Morgen fahren wir hinunter nach Tapovan. Wir suchen einen Ashram, wo wir ein paar Tage entspannen und Yoga machen können. Und wir brauchen einen Schlafplatz für uns und Mr. Turtle im Ort. Plötzlich sind wir mitten auf der schmalen Touristen-Einkaufsstraße. Wir steuern einen sehr großen Jeep-Parkplatz an. Doch man erlaubt uns nicht hier zu parken. Wir finden einen anderen kleinen Parkplatz, doch dort wird am Nachmittag ein Hochzeitszelt aufgebaut. Wir stellen Mr. Turtle erst einmal ab und bummeln durch die Stadt. Einen Ashram zu finden sollte in Rishikesh eigentlich kein Problem sein. Die Auswahl ist riesig. Doch genau das ist auch unser Problem. Wir sind überfordert. Und es ist zu warm. Und so geht der Tag dahin, ohne das wir eine neue Herberge gefunden haben. Am Abend bleibt uns nur die Rückfahrt auf den Berg.

Die Ashram-Erfahrung

Unsere dänischen Freunde waren auch in einem Ashram. Bei diesem sind zur Zeit zwar keine Zimmer frei, wir wissen aber, dass sie ihr Auto vor der Tür parken konnten. Im engen Tapovan ein seltener Luxus. Also entschließen wir uns nun einfach im Bus davor schlafen. Am nächsten Tag fahren wir dort hin. Doch wir kommen zuerst gar nicht in die Straße. Die Stromleitung zwischen zwei Gebäuden hängt so tief, dass wir erst einmal am Ashram nachfragen, wie wir herkommen können. Kurzerhand begleiten uns zwei Inder mit einem langen Stock und halten die Stromleitung hoch, während wir darunter durch fahren. Im Ashram können wir eine Toilette benutzen und uns mit einem Schlauch im gleichen Raum eine Dusche an einen Wasserhahn basteln. Nicht ideal, aber das Beste, was wir ohne weitere Anstrengungen erreichen konnten. Da Sonntag ist, gibt es in Tapovan überall mehrstündige Yoga-Seminare. Ich probiere noch eins davon aus, bevor es am nächsten Tag in unserem Ashram losgeht.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr sitzen wir dann mit etwa 80 anderen Leuten im Ashram-Yoga-Raum. Wir sind sehr enttäuscht von der Organisation. Es ist zu voll, zu eng und neben uns hat sich auch noch an zwei dieser drei Morgen ein lautstark atmender und all seine Bakterien mit voller Kraft um sich herumschleudernder Yogi niedergelassen. Unmöglich sich hier zu konzentrieren. Von Entspannung kann da gar nicht erst die Rede sein. Uns gefällt auch die allgemeine Stimmung nicht. Mit der Zeremonie der Feuerpunja können wir im Anschluss auch nicht viel anfangen, weshalb wir an den nächsten zwei Tagen die Zeit zwischen frühem Yoga und Frühstück damit verbringen uns noch einmal ins Bett zu legen. Und auch die Zeit zwischen Frühstück und Mittag essen. So bleiben uns am Nachmittag ein paar Stunden Freizeit, bis wir vor dem Abendessen noch eine zweite Yogasession haben, die uns beiden wesentlich mehr zusagt. Sie wird von einer Yogalehrerein unterrichtet und nicht wie am Morgen vom Guru.

Essen im Ashram

Die Essenausgabe im Ashram folgt auch einem festen Ablauf: Jeder setzt sich im Schneidersitz in einer Reihe auf den Boden. Vor jedem steht ein kleines Tischen, auf das man sein leeres Tablett stellt. Alle Leute mit Lebensmittelallergien oder besonderen Ernährungswünschen müssen sich in die gleiche Reihe setzen. Jeder hat ein Kärtchen, auf dem sein Wunsch steht: Keine Milchprodukte, kein Gluten, kein Zucker oder Vegan oder mehrere der Sachen kombiniert. So wissen die Leute bei der Ausgabe genau, aus welcher Schüssel man das Essen bekommt. Das Essen ist ansonsten vegetarisch. Man setzt sich also einfach hin und nachdem das Essen aus Eimern verteilt und ein Lied auf Hindu gesungen wurde, darf man endlich essen.

Nun hat der Ashram aber noch eine weitere Besonderheit. Beim Frühstück darf nicht gesprochen werden, denn bis neun Uhr morgens herrscht „Schweigezeit“. Auch das Abendessen an mehreren Tagen der Woche ist „silent dinner“. Uns wundert es also bald nicht, warum die meisten ihr Essen ziemlich herunterschlingen und schnell fertig sind. Und statt zu schweigen wird eben geflüstert. Nach dem Essen spült man sein Tablett dann im Nachbarraum ab. Das Essen empfinden wir am ersten Tag noch als neu und aufregend. Am zweiten sind wir dann schon froh, dass wir nur drei Tage da sind und am dritten Tag können wir kein gelb-cremefarbenes Essen mehr sehen. Ich freunde mich mit zwei bulgarischen Mädels an, die in dem Ashram soviel Spaß haben wie wir.

Die beinahe Abreise und eine Lebensmittelvergiftung

Als wir am Morgen aus Rishikesh abreisen wollen, fühlen wir uns beide nicht gut. Dann bekomme ich Durchfall. Wir haben eine düstere Vorahnung und Eini macht sich auf die Suche nach einem Zimmer. Er ist bald mit guten Nachrichten zurück. Die Straße zu dem Gästehaus ist allerdings sehr schmal und als wir ums Eck auf den Parkplatz fahren wollen, klappt das erstmal nicht. Nach zahlreichen Rangierversuchen und dank der Hilfe freundlicher Anwohner schafft Eini es etwa eine halbe Stunde später doch noch auf dem Hof zu parken. Wir beziehen unser Zimmer und Warten. Doch komischerweise scheint es mir wieder besser zu gehen.

Am nächsten Morgen fühle ich mich fast wieder fit und dränge Eini, der nicht ganz so agil ist, dazu einen Spaziergang zu machen. Wir wandern schließlich ein ganzes Stück steil hinauf zu einem Aussichtspunkt. Dabei sind wir beide eher langsam unterwegs und fühlen uns auch etwas schwach. Als wir den Abstieg nach Tapovan endlich geschafft haben, glauben wir unsere Kraft mit einem zünftigen Essen – vegetarischer Hamburger und veganes Schnitzel mit Pommes – wieder herstellen zu können.

Später im Bett bereue ich Ausflug und Essen. Die Erlösung kommt in der Nacht. Bis vier Uhr morgens wandere ich zwischen Bett und Toilette umher und beneide Eini um seinen Schlaf. Später erfahre ich von jemandem aus dem Ashram, dass es dort einige mit einer Lebensmittelvergiftung erwischt hat. Die nächsten Tage bleiben wir dann einfach mal im Bett, essen Reis und schauen eine Serie. Mit fünf Tagen Verspätung verlassen wir Rishikesh in Richtung Agra.

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