Ein Roadtrip durch Westbengalen

Schwülheißes Wetter und viele Staus setzen uns auf den 650 Kilometern Strecke von Darjeeling nach Kolkata zu. Und dann macht uns ein Inder auch noch einen Seitenspiegel kaputt.

Von Darjeeling nach Islampur

Es regnet als wir nach dem Besuch des Batasia Loop die Abfahrt aus den Bergen von Darjeeling beginnen. Mittags halten wir bei einem Restaurant im Ort Kurseong. Leider ist der Service schlecht und das Essen nur mittelmäßig. Das Wetter lädt auch nicht zum Verweilen ein, aber die grüne Landschaft ist auch durch das Fenster schön anzuschauen. Von nun an wollen wir jede Nacht in einer Unterkunft verbringen. Die Monsunzeit steht kurz bevor und es ist unerträglich heiß und schwül, sobald man nicht mehr in den Bergen ist. Am Nachmittag steuern wir deshalb ein Hotel am Highway in Islampur an. Die Kommunikation ist ziemlich schwierig, da keiner der Angestellten mehr als ein paar Wörter Englisch spricht. Ein Zimmer mit Klimaanlage ist nicht mehr frei. Und das, was wir wollen, muss der Zimmerjunge erst noch putzen. Das geht so schnell, dass wir stutzig werden. Und tatsächlich ist es nach Schlüsselübergabe noch dreckig. Wir beschweren uns. Jetzt übernimmt die einzige weibliche Angestellte das Putzen und wir sind zufrieden. Doch trotz Gewitter in der Nacht mit dem stärksten Regenfall den wir je erlebt haben, kühlen unsere Körper nicht herunter.

Überlastete Highways und ein kleiner Umweg

Der nächste Stopp auf der Route ist Malda. Ein Inder hat uns über Couchsurfing eingeladen bei ihm zu übernachten. Doch auf dem Weg stecken wir, wie so oft, im Stau fest. Googlemaps zeigt über mehrere Kilometer tiefrot an. Beide Spuren sind mal wieder komplett von den LKWs blockiert. Auf der Gegenfahrbahn ist glücklicherweise nur eine Spur dicht. Wir wechseln die Seite und kommen als Geisterfahrer wenigstens ein bisschen vorwärts. Da der Stau aber nicht weniger wird, schaue ich nochmal auf die Karte. Dort entdecke ich einen weiteren Highway, der ebenfalls nach Malda führt. Am Anfang läuft die Umfahrung noch sehr geschmeidig und ich beglückwünsche mich zu meiner Entscheidung. Doch schon bald wird aus dem zweispurigen Highway eine einfache Teerstraße. Dann eine Teerstraße mit vielen Schlaglöchern. Irgendwann ist kein Teer mehr vorhanden und Mr. Turtles Reifen wühlen sich durch den Schlamm. Wir schwitzen und fluchen und ich bekomme für meine Idee von Isi – zurecht – einen Anschiss. Die Straße ist zwar bald wieder asphaltiert aber auch voller Schlaglöcher. So sind wir nicht viel schneller als so mancher Fahrradfahrer. Ein Dorf folgt auf das andere. In vielen nutzen die Einwohner auch noch Teile der Straße dazu, Getreide zu trocknen. Unser Ziel rückt kaum näher.

Couchsurfing in Malda

Erst nach unzähligen Stunden erreichen wir am Abend Malda. Deb wohnt im Zentrum und empfängt uns vor seinem Haus auf der Straße. Er verspricht uns, dass es absolut sicher ist Mr. Turtle dort über Nacht zu parken. Wir vertrauen seinen Ortskenntnissen, auch wenn ein unruhiges Gefühl im Bauch zurückbleibt. Deb ist 27 Jahre alt, war bis vor kurzem noch selber auf Reisen und wohnt noch im Haus seiner Mutter. Wir zeigen ihm unsere Route auf der Karte und er lacht. Deb wusste nicht einmal, dass es auf unserem Weg überhaupt eine Straße gibt. Den angeblich gut ausgebauten Highway nach Malda hätten wir verpasst.

Später wollen wir Deb zum Essen einladen. Doch unser indischer Gastgeber mag kein indisches Essen. So ändern wir den Plan und es gibt Nudeln mit Tomatensoße und Salat. Zum Schlafen bekommen wir Debs Zimmer, der wiederum ins Wohnzimmer zieht. Leider liegt das Fenster zur Straße und auf der ist noch eine Weile pausenloses hupen zu hören. Isi steht ständig auf, um durch das Fenster nach Mr. Turtle zu sehen. Spätabends entdeckt sie einen Inder, der gegen das Seitenfenster klopft. Wahrscheinlich hat der verstanden, dass es sich um einen Campervan handelt und will uns sehen. Irgendwann zieht er frustriert ab. Ansonsten bleibt es ruhig. Der Ventilator schafft kaum Abhilfe gegen die schwüle Hitze und wir finden in der Nacht nur wenig Schlaf.

Die Ruinenstätte in Gaur

Am nächsten Tag fahren wir zusammen mit Deb und seiner Mutter zur Ruinenstadt Gaur. Die liegt nur wenige Kilometer hinter Malda und war zusammen mit Pandua im Mittelalter die Hauptstadt Bengalens. Sie hat Einflüsse von den Budhisten, Hinduisten und Moslems erlebt. Heute kann man hier noch einige gut erhaltene Bauten ansehen. Kurz nachdem wir die Hauptstraße Richtung Gaur verlassen, stehen wir schon wieder in einem LKW-Stau. Deb erklärt uns, dass die Grenze zu Bangladesch nah und dies der Rückstau ist. Die Gegenfahrbahn ist frei und so schlängeln wir uns an den LKWs vorbei.

In Gaur angekommen sind wir überrascht. Wir müssen keinen Eintritt zahlen und um die Anlagen herum befindet sich gepflegter grüner Rasen. Die Gebäude finden wir sehr beeindruckend. Da sie jedoch weit auseinanderliegen, müssen wir jedes Mal wieder mit dem Bus ein Stück fahren, um zur nächsten Sehenswürdigkeit zu kommen.

Auf dem Rückweg ist die Straße verstopft. Männer treiben hunderte von Kühen in mehreren Gruppen durch die Gegend. Deb erklärt, dass die Kühe oft geklaut sind und nach Bangladesch geschmuggelt werden. So richtig verstehen wir das erst, nachdem wir uns ein paar Wochen später zufällig eine Dokumentation über die Lederherstellung in Bangladesch anschauen. Dafür werden im großen Stil die „heiligen Kühe“ der Inder gestohlen oder zu Spottpreisen gekauft und unter schlimmsten Transportbedingungen nach Bangladesch geschmuggelt, wo man ihnen für den Lederhandel die Haut abzieht.

Hier geht es zu der sehr sehenswerten Dokumentation vom ZDF.

 

Große Aufregung im Stau und ein weiterer Hotelstop

Wir verabschieden uns. Deb warnt uns noch vor der nächsten Stadt – die er „Little Pakistan“ nennt – dort sei immer Stau. Er behält leider Recht. Der Stau zieht sich sehr lange und bis zu einer großen Brücke die über den Ganges führt. Der Stillstand hält einen Jeepfahrer nicht davon ab, sich trotzdem links an uns vorbeizudrängen. Noch bevor ich reagieren kann, reißt er dabei mit seinem Wagen unseren linken Außenspiegel ab. Wir sind sauer, richtig sauer. Ich laufe seinem Wagen nach, der dank Stau glücklicherweise ja kaum weiter gekommen ist, und schreie den Fahrer an. Dieser versucht mich mit lächerlichen 200 Rupien (circa 2,50 Euro) Entschädigung zu besänftigen.

Ich schaue mir den Schaden etwas genauer an. Der Spiegel hängt ziemlich wild an Mr. Turtle herunter. Bei genauerer Untersuchung stelle ich fest, dass eine der Befestigungen gebrochen ist. Außerdem fehlt eine Ecke am Kunststoffgehäuse. Glücklicherweise lässt er sich trotzdem wieder einhängen. In der Zwischenzeit lässt Isi ihre Wut am Verursacher aus. Sie ist so sauer, dass sie in den Jeep greift und das Auto ausschaltet. Kurz darauf zieht sie den Schlüssel aus dem Zündschloss, damit der Fahrer, der immer noch am Steuer sitzt, nicht auf die Idee kommt abzuhauen. Der sieht schon reichlich eingeschüchtert aus, als ich wieder zur Diskussion dazu komme, sagt aber nichts. Dafür bietet sein Beifahrer uns immer wieder ein „sorry“ als Wiedergutmachung an, was Isi nur weiter zur Weißglut treibt. Inzwischen stehen etwa 20 Männer um uns herum. Zum Glück spricht ein Jüngerer netter Mann Englisch und übersetzt für uns. Nach einem lautstarken hin und her einigen wir uns auf 1000 Rupien (circa 10 Euro) und die Menge löst sich auf. Wir haben das Gefühl einen halbwegs guten Deal mit einem sicherlich nicht wohlhabenden Inder gemacht zu haben. Und Isi hat es ja von Anfang an prophezeit: Wir werden es nicht mit beiden Seitenspiegeln heile durch Indien schaffen …

Dafür haben wir keine Chance mehr unser Tagesziel Shantiniketan zu erreichen und steuern ein Hotel in Tarapith an. Als wir ankommen dämmert es bereits. Hier zeigt man uns in aller Ruhe die verschiedenen Zimmer, doch als wir einchecken wollen, tritt der Manager dazu. Das Hotel habe keine Lizenz, um an Ausländer zu vermieten. Wir sind sauer über die verschwendete Zeit und müde. Zum Glück sind wir zufällig in einer Pilgerhochburg gelandet und ein Hotel reiht sich plötzlich an das andere. Im Nächsten bekommen wir ein Zimmer, müssen aber tatsächlich ein Zusatzdokument für Ausländer ausfüllen.

Erholungspause in Shantiniketan

Am nächsten Tag erreichen wir Shantiniketan, wo wir uns über airbnb einen Bungalow im Garten einer indischen Familie gemietet haben. Das Haus befindet sich in einer beschaulichen Wohnsiedlung und wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Hier können wir schonmal einen kleinen Teil unseres großen Wäscheberges waschen. Noch haben wir die Hoffnung in Kolkata eine richtige Waschmaschine zu finden. Eine Rarität in Indien und Nepal. Der Wasseranschluss im Garten kommt auch gelegen. Zum ersten Mal seit zehn Monaten mache ich die Fahrradbox sauber. Das lohnt sich. Bisher hat die Box viele offene Spalten, durch die der ganze Dreck erst eindringen konnte. Auf diesen verteile ich nach der Reinigung Klebeband und hoffe, dass der Dreck zukünftig draußen bleibt.

Die Klimaanlage kühlt unser Bungalow auf 25 Grad Celsius und es fühlt sich jedes Mal an, als betreten wir ein Kühlhaus. Von der Künstler und Universitätsstadt Shantiniketan sehen wir nur wenig. Und ganz ehrlich, bei den Temperaturen wollen wir auch gar nicht viel mehr machen. Aber weil die Zeit trotzdem verfliegt, verlängern wir das Stopover um eine dritte Nacht. Dann verabschieden wir uns wehmütig von dem kühlen Zimmer. Die Klimaanlage hätten wir gerne mitgenommen.

 

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