Kalkutta

Endlich am Ziel. Kalkutta ist asiatische Endstation für unsere Zeit zu dritt. Für Mr. Turtle steht nun ein solo Reiseabschnitt an. Und wir? Brauchen erst mal Urlaub.


Schon Wochen zuvor war uns vor diesem Augenblick ein bisschen mulmig: der Ankunft in Kalkutta. Freiwillig wären wir nicht mit unserem eigenen Fahrzeug in die drittgrößte Stadt Indiens gefahren, Kalkutta zählt 14 Millionen Einwohner. Aber Mr. Turtle soll von hier seine Reise nach Südamerika antreten. Doch unsere Sorge war unbegründet. Kalkutta wirkt auf uns wie eine recht normale Großstadt. Das liegt aber sicher auch daran, dass wir uns die meiste Zeit in der gleichen Ecke aufhalten. Hier gibt es keine Slums, dafür große Malls mit westlichen Geschäften, Wohnsiedlungen und ein paar pompöse Sehenswürdigkeiten. Dazwischen das normale Indien Chaos mit Tuk-Tuks, Straßenmärkten und gelben Taxen. Doch der erwartete Großstadtstress bleibt die ganze Woche lang aus. Das einzige was uns permanent fertig macht, ist das Wetter.

Vidyasagar-Brücke, Kolkatta
Die Vidyasagar-Brücke über den Fluss Hooghly, einen Mündungsarm des Ganges

Ankunft in der Hauptstadt Westbengalens

In der Stadt angekommen wollen wir einkaufen. Doch im klimatisierten Laden funktionieren unsere Köpfe wieder besser und wir entscheiden, dass wir eigentlich erst einmal etwas essen wollen. Zurück bei Mr. Turtle will der Parkplatzeinweiser – wenn er denn einer war – 80 Rupien (1 Euro) von uns. Garantiert ein Touristenpreis. Wir ignorieren ihn. Er sprintet hinterher und klopft gegen das Auto. Ein Kollege stellt sich uns kurz in den Weg, überlegt es sich dann aber doch noch anders und wir flüchten erfolgreich. Das schlechte Gewissen hält sich in Grenzen. Im nächsten Supermarkt in einer großen Mall dürfen wir dafür alle Einkäufe durch die halbe Tiefgarage und einen Stock nach oben ins Freie schleppen, weil sie uns verbieten den Einkaufswagen dorthin zu schieben. Ins Parkhaus gepasst haben wir nicht und Parkgebühren müssen wir trotz Schlepperei und Großeinkauf trotzdem zahlen.

Am Abend erreichen wir die kleine Sackgasse, in der sich das alte Kolonialstilhaus mit unserer airbnb Mietwohnung befindet. Der Vermieter weist uns an vor dem Haus zu parken. Es ist eng, aber machbar. Und dann fühlen wir uns auf einmal wie zuhause. Der Nachbar von gegenüber hat alles beobachtet und ein Wortschwall prasselt auf Sammer, unseren jungen Vermieter nieder. Seine Meinung: Wir können hier nicht parken, der Camper ist zu lang, zu breit, zu groß, und der Doktor, der ein Haus weiter wohnt, passt mit seinem Auto nicht mehr vorbei. Wir überlassen die Diskussion Sammer, der den Nachbarn beschwichtigt. Später lernen wir den Arzt kennen. Der hat von der Sorge seines Nachbarn nichts gewusst und ist mit seinem Auto einfach an unserem vorbeigefahren.

Transportvorbereitungen

Die Wohnung ist riesig und hat sogar eine Dachterrasse. Auf der möchten wir uns zwar gar nicht aufhalten, aber zum Wäschetrocknen ist sie perfekt. Da sich im Haus sonst nur Lagerräume befinden, haben wir es dann auch meisten für uns allein. So machen wir uns die nächsten Tage an die Arbeit. Isi räumt das Cockpit, die Küche und den Kühlschrank aus und putzt. Das war längst überfällig. Es ist unglaublich wie viel Dreck und Staub sich hier ansammelt. Außerdem kümmert sie sich um unseren Wäscheberg. Zwei Tage ist sie allein mit der Handwäsche von Klamotten, Handtüchern, Bettwäsche, Sitz- und Kissenbezügen beschäftigt und denkt jetzt über eine neue Karriere als Waschfrau nach. Die Suche nach einer Waschmaschine haben wir nach ein paar erfolglosen Versuchen aufgegeben.

Parallel dazu kümmere ich mich um die Transportvorbereitungen. Wir wollen mit einem Standard 20 Fuß Seecontainer verschiffen. Das ist ein Problem. Mr. Turtle ist zu hoch. Viel zu hoch. 62 Zentimeter um genau zu sein. Mit der Fahrwerkshöherlegung und den Dachaufbauten ist er gute 2,90 Meter hoch. Die Türöffnung des Containers lässt aber nur 2,28 Meter zu. Also erstmal das Dach abräumen. Box, Duschfass, Solarpaneel, Ersatzreifen, Tisch und Stühle kommen in den Innenraum, aber vorher muss ich das alles noch putzen. Zum Schluss demontiere ich noch die Dachprofile. Macht 2,40 Meter. Fehlen immer noch zwölf Zentimeter und ein bisschen Luft nach oben. Glücklicherweise sind wir schon mit dem Wissen um die Verschiffung von zuhause los und fahren daher seit August einen Satz – von mir eigens dafür – modifizierter Federn zum Tieferlegen durch die Welt. Diese baue ich nun hinten ein. Beim VW Bus relativ einfach, funktioniert ohne Federspanner oder anderes Spezialwerkzeug. Vorne ist es sogar noch einfacher. Dank Drehstabfeder reicht es eine Mutter zu entspannen und Mr. Turtle geht in die Knie. Mr. Turtle ist damit an den Engstellen (Dachfensterscharnier und Kabeleintritt) 2,32 Meter hoch. Doch wir haben noch ein Ass im Ärmel, um Mr. Turtle in den Container zu bekommen. Alles dazu im kommenden Blog-Beitrag zur Verschiffung.

Kleine Planänderung

Die Verschiffung nach Südamerika wird circa 52 Tage dauern. Das geht uns zu schnell. Richtig gelesen: zu schnell. Nachdem wir Südostasien nicht weiter mit Campervan bereisen können (Artikel dazu folgt), haben wir beschlossen die Busfreie Zeit zu verlängern, um es als Backpacker zu tun. Dafür wollen wir Mr. Turtle noch einen Monat in Kalkutta parken und dann erst verschiffen. Einziger Nachteil: Ich muss noch einmal für eine Woche nach Indien zurückkommen. Wir besuchen unseren Agenten in der Spedition, mit dem wir schon seit mehreren Monaten einen regen E-Mailverkehr führen. Und sprechen mit ihm alle Details durch. Zum Glück fahren täglich Zubringer-Schiffe von Kalkutta nach Singapur und von dort einmal wöchentlich nach Südamerika, so dass wir frei wählen können, wann wir verschiffen wollen.

City Sightseeing

Wenn wir schon einmal in Kalkutta sind, soll natürlich auch ein Sightseeing-Trip nicht fehlen. Um in der Stadt mobil zu sein und nicht dauernd abgezockt zu werden, nutzen wir die Ola App. Dort kann man online seine Fahrt buchen und bekommt einen festen Preis mitgeteilt. So sparen wir uns das zähe Verhandeln mit indischen Taxifahrern. Wir besichtigen die St. Paul’s Cathedral und das Victoria-Memorial. Unser persönliches Highlight ist der South Park Street Cemetery. Auf diesem Friedhof liegen die Ausländer, die im 18. Jahrhundert in Kalkutta gelebt hatten, begraben. Heute verdeckt zum Teil dichter Dschungel die Grabmonumente und das mitten in der Stadt.

Diese Parkplatzsuche ist nicht lustig

Die Suche nach einem geeigneten Langzeitparkplatz wird dann doch noch zwei Tage lang zu einer nervenaufreibenden Herausforderung. Auf dem Parkplatz neben dem Gebäude unserer Spedition möchte man uns 200 Dollar für vier Wochen Abknöpfen. Über Couchsurfing bietet ein junger Inder an uns zu helfen und wir machen mit ihm in einem Stadtviertel eine, wie wir es taufen, „Garagen-Sightseeing-Tour“. Man ist bemüht uns zu helfen, doch wir sind froh ein Maßband dabei zu haben, denn die Garagen sind ausnahmslos für PKW-Höhen ausgelegt. Hier findet sich ein Anwohner, der Mr. Turtle für 2000 Rupien (25 Euro) vor seinem Haus stehen lassen würde. Doch es wäre sehr eng und wir sind skeptisch, wie sicher Mr. Turtle hier wirklich wäre, da wir überhaupt nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben. Ein Nachbar versucht auch zu helfen und vermittelt uns an den Blockwart der Straße in der wir ohnehin parken. Der will 6000 Rupien (circa 75 Euro) dafür, dass Mr. Turtle in der engen Sackgasse stehen bleibt. Dann endlich die rettende Aussicht: Unser Vermieter Sammer hat mit seinem Vater gesprochen. Wir können vor ihrem Haus in einer Seitenstraße parken, wo rund um die Uhr ein Wachmann sitzt. Für den sollen wir ein Trinkgeld beisteuern. So einfach und so günstig. Wir sagen zu.

Urlaubsreif

Nach über eine Woche in Kalkutta packen wir die Rücksäcke. Wir haben Flüge gebucht. In Kalkutta hätten wir zwar gerne noch mehr angeschaut, aber dafür sollte man im Winter hier sein, wenn man nicht pausenlos in Schweiß gebadet ist. Wir bringen Mr. Turtle zu seinem neuen Parkplatz, bestechen den Hofhund mit Hundefutter, bedanken uns beim Wachmann und ordern ein Taxi zu einem Hotel in Flughafennähe. Doch nachdem wir die Rücksäcke bereits in den Kofferraum eingeladen haben, ist der Fahrer auf einmal nicht mehr Willens uns zu fahren. Er diskutiert mit Sammer eine ganze Weile auf Hindi und scheinbar über die Route auf googlemaps. Sammer versteht das Problem scheinbar auch nicht. Das einzige was wir aus ihm herausbekommen ist, dass der Taxifahrer sagt, er sei nicht „ready to go“. Sprich, er fährt uns nicht. Also packen wir die Rücksäcke wieder aus. Der nächste Fahrer bringt uns ohne Widerworte zum Hotel. Von dort starten wir am nächsten Morgen wieder im Taxi die letzten drei Kilometer zum Flughafen. Der Netaji Subhas Chandra Bose International Airport – geiler Name – ist sehr modern und es ist wenig los. Fliegen können sich die meisten Inder eben auch nicht leisten. Entspannt boarden wir den Flug nach Bangkok und den ersten auf unserer Reise. Ko Phangan, wir kommen!

Ausreisedatum: 17. Juni 2018.

2 Kommentare zu „Kalkutta

    1. In der Tat! Auf Bremsscheiben reinfahren, äh. Den geheimen Aufstelldachmechanismus aktivieren?

      Man lernt wohl Langmut auf solchen Reisen, wenn man alle Nase lang abgezogen werden soll 🙂

      Schicke Fotos übrigens von: Waschtag, Kopfrasur und indischem EU/Thüringen(?)-Kennzeichen!

      Gefällt mir

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