Einis Kalkutta Tagebuch oder Ein indisches Drama

Eineinhalb Wochen lang war ich in Kalkutta, um die Verschiffung von Mr. Turtle von Indien nach Südamerika zu organisieren. Über meine Erlebnisse in dieser kurzen Zeit könnte ich ein ganzes Buch füllen. Hier der Versuch einer Zusammenfassung.

Montag

Ich bin müde. Seit 30 Stunden bin ich unterwegs. Seit ich mit Isi und dem Roller morgens um sieben Uhr zur Fähre auf Koh Phangan gefahren bin, habe ich eine Fährfahrt, eine sechsstündige Busfahrt und einen Flug durch den Monsun hinter mich gebracht. Trotz Monsun-Turbulenzen erlebe ich den Flug, wohl wegen Übermüdung, tief entspannt. In Kalkutta angekommen, schaut der Immigration-Beamte kritisch auf meine beiden früheren Einreisestempel. Er befragt mich zum Grund meiner Reise und ich bin ehrlich. Ich erzähle ihm von unserer Reise und Mr. Turtle. Er glaubt mir nicht, bittet mich an der Seite Platz zu nehmen und verschwindet mit meinen Dokumenten. Fünf Minuten später kommt er mit seinem Vorgesetzten zurück und ich fange von vorne an zu erzählen. Der Vorgesetzte ist sehr interessiert und offensichtlich erfreut solch eine Geschichte zu hören. Dann weist er seinen Beamten an mir die Einreise zu genehmigen. Der Beamte widerspricht noch einmal aber der Vorgesetzte lässt keinen Zweifel an seiner Autorität und so gibt der Beamte mir zähneknirschend meinen Einreisestempel.

Ich buche ein Taxi in die Stadt. Dort habe ich ein einfaches Zimmer in einer Privatunterkunft gemietet, ganz in der Nähe von Mr. Turtles Parkplatz. Der nötige Schlaf bleibt mir allerdings noch verwehrt. Mit meinem Ausweis und dem Carnet de Passage im Gepäck mache ich mich auf zu Care Container Lines, der Agentur die unsere Verschiffung betreut. Hier sind wir seit mehreren Wochen bereits mit Poolak, einem Mitarbeiter in Kontakt. Da es vier Kilometer bis dort sind, versuche ich eines der gelben Taxis mit Taxameter zu bekommen. Da aber alle Fahrer nur horrende Touristenpreise verlangen, beschließe ich zu laufen. Nicht unbedingt die beste Entscheidung. Es ist Monsun und ich laufe im Regen. Die Straßen sind überschwemmt und mehr als einmal versinke ich bis zu den Knöcheln im Schlamm. So komme ich nach über einer Stunde endlich im Büro an und gebe einer Mitarbeiterin die benötigten Dokumente. Anschließend mache ich mich mit einem anderen Mitarbeiter auf den Weg zu einem kleinen Metallbetrieb im Norden der Stadt. Da Mr. Turtle für den Container noch zu hoch ist, muss ich ihn noch circa sechs Zentimeter tieferlegen. Das will ich mit sogenannten Container-Reifen erreichen. Diese werden anstelle der Reifen montiert und haben einen geringeren Durchmesser. Ich mache eine grobe Zeichnung und nach einer kurzen Diskussion über den Zeitplan bekommen wir die Zusage, dass die Reifen morgen Abend fertig sein werden.

Zurück im Zentrum will ich mir noch eine Simkarte besorgen und so steuere ich den nächsten Vodafone Laden an. Die Verkäuferin im Laden macht mir aber klar, dass das nicht so einfach ist. Ich brauche meinen Ausweis und einen schriftlichen Nachweis über einen Freund in Kalkutta inklusive Adresse und Telefonnummer. Als ich ihr sage, dass ich so etwas natürlich nicht habe, schaut sie sich einmal kurz nach rechts und links um. Als sie sich sicher ist, dass gerade keiner ihre Kollegen sie beobachtet gibt sie mir einen Tipp. Ich bedanke mich herzlich und gehe zu einem Laden, den Sie mir beschrieben hat. Es ist nicht mehr als eine acht Quadratmeter große Nische, aber hier bekomme ich die bisher unkomplizierteste Simkarte in Indien. Keine Dokumente und keinen Namen und im Gegensatz zu den vorherigen Simkarten ist sie sofort aktiviert. Völlig übermüdet kehre ich in meine Unterkunft zurück. Nach 36 Stunden darf ich endlich ins Bett.

Dienstag

Der Wecker klingelt um 8:30 Uhr aber ich bin noch völlig erschlagen. Zum Glück bekomme ich in meiner Unterkunft Frühstück. Da ich mir dank der Simkarte nun wieder mit der Ola-App ein Taxi bestellen kann, komme ich wesentlich entspannter im Büro an. Dort folgt ein Unterschriften-Marathon. Jedes Dokument gibt es in mindestens dreifacher Ausführung. Außerdem teilt man mir mit, dass die Containerreifen bereits in zwei Stunden fertig sind. Das sind gute Nachrichten und ich glaube daran das der Plan, die Verladung in spätestens sechs Tagen abzuschließen, funktionieren kann. Da inzwischen schon Mittag ist, verabschiede ich mich zum Essen. Dabei entdecke ich eine andere Seite der Stadt. Ich gehe in ein kleines Café gerade einmal 100 Meter nördlich des Büros und lande im Touristenviertel. Bei allen Spaziergängen die ich und Isi in Kalkutta unternommen hatten, haben uns die Inder immer in Ruhe gelassen. Anders hier. Auf 100 Metern Fußweg werde ich von mindestens fünf Indern angesprochen. Sei es die Information, dass sie guten Kaffee anbieten, die Frage, ob ich eine Unterkunft benötige oder der Klassiker, um ins Gespräch verwickelt zu werden: „where you from?“. Außerdem sehe ich mindestens ein Dutzend westliche Touristen. Als wir einen Monat zuvor hier waren, hatten wir das Gefühl, dass es die hier gar nicht gibt.

Nach dem Essen gehe ich zurück ins Büro und warte. Und warte und warte … nach zwei Stunden geht es endlich weiter. Wir nehmen ein Taxi und fahren zur Werkstatt. In der Nähe besorgen noch einen Satz passende Schrauben. Da wir die Reifen nicht in einem Ola-Taxi mitnehmen können, bestellen wir uns eines der klassischen gelben Taxis die auf Kalkuttas Straßen so präsent sind. Am Bus angekommen schicke ich, voller Optimismus den Mitarbeiter der Spedition zurück ins Büro. Doch dann der Schock. Als ich versuche den Reifen zu montieren, stoße ich am Bremssattel an. Das hatte ich nicht bedacht. Ärgerlich. Es hilft alles nichts. Ich rufe Poolak an und ordere seinen Mitarbeiter zu mir zurück. Wir schauen uns das Desaster an und diskutieren über Lösungen. Als ob das nicht reichen würde, stellen wir dabei auch noch fest, dass wir die falschen Schrauben eingekauft haben. Der Tag ist gelaufen. Völlig verschwitzt, da die gelben Taxis keine Klimaanlage haben, kommen wir wieder im Büro an. Wir diskutieren weiter meine Möglichkeiten, da inzwischen aber sechs Uhr ist, wird heute nichts mehr passieren. Poolak fährt mich mit seinem Auto nach Hause. Auch seine Frau und eine Freundin fahren mit und so habe ich wenigstens noch eine nette Unterhaltung auf dem Heimweg.

Mittwoch

Ich werde zwei Stunden vor meinem Wecker wach und kann nicht mehr schlafen. Das ganze Thema Verschiffung lässt mir keine Ruhe. Ich gehe trotz dieser frühen Stunde zum Bus, demontiere noch einmal den Reifen und grüble. Die beste Lösung wäre es wohl Unterlegscheiben und längere Schrauben zu besorgen. Nach zwei Stunden bin ich trotz der frühen Zeit klatschnass geschwitzt. Ich dusche kalt und gehe wieder ins Büro. Ich will pünktlich sein, denn um ein Uhr habe ich einen Termin beim Zoll und wir wollen vorher noch die Schrauben und Distanzhülsen besorgen.

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Allzu viel Zeit habe ich hier nicht verbracht.

Im Büro ist dann aber mal wieder Warten angesagt. Mit großer Verspätung geht es los. Zwei Mitarbeiter der Spedition sollen mich zu einem Schraubenladen bringen. Wir fahren los und nach einer Weile kommt mir die Gegend bekannt vor. Wir sind genau dort wo die Container-Reifen gemacht worden sind. Die beiden fragen sich fleißig nach dem Weg durch und ich warte noch in Erwartung eines Schraubenladen. Es wird wild telefoniert und irgendwann habe ich das Gefühl, dass die beiden die Werkstatt suchen in der die Reifen hergestellt wurden. Ich frage den einen, ob er mich gerade allen Ernstes zu dem Laden bringen will und er bejaht. Jetzt werde ich sauer, den im Gegensatz zu den Mitarbeiter weiß ich wo der Laden ist. Mir ist allerdings nicht klar, was wir dort sollen und so frage ich. Er erklärt mir, dass wir dort nach einem Schraubenladen fragen wollen. Sichtlich ungehalten frage ich nach dem tieferen Sinn, denn dasselbe habe ich gestern bereits getan. Unbeeindruckt davon geht er trotzdem zur Werkstatt.

Völlig überraschend landen wir dann wieder beim gleichen Schraubenladen, wo ich bereits herzlich von Lalu, dem Besitzer empfangen werde. Doch nachdem ich ihm mein Anliegen vortrage, kommt der nächste Schock. Die Schrauben mit Feingewinde, die ich benötige sind in Kalkutta nicht üblich. Es würde einen Tag brauchen diese fertigen zu lassen. Ich flippe endgültig aus, was bei mir nur ganz selten passiert. Ich stauche den Mitarbeiter der Spedition zusammen und schreie ihn an. Ich habe genug. Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, wäre ich schon morgens alleine hierhin gefahren. Nachdem ich meinen Frust losgeworden bin versucht Lalu sein Bestes und tatsächlich, nach etwas Geduld kommt sein Mitarbeiter mit einer Box Schrauben an. Genau die Schrauben, die ich benötige. Glück gehabt. Ich packe noch eine große Tüte Unterlegscheiben dazu, dann laden mich die Jungs auf Tee mit Keksen ein und die Anspannung lässt nach.

Als Nächstes steht der Besuch beim Zoll an. Der einzige Grund wieso ich tatsächlich dort hin muss ist es, zu bestätigen, dass ich auch ich bin. Indisches Bürokratie. Anschließend fahre ich wieder zu Mr. Turtle und montiere, unter den Blicken eines zugekifften Inders, den ersten Reifen. Es ist etwas aufwendig, da durch die Unterlegscheiben jegliche Zentrierung fehlt und so ist es bereits acht Uhr und dunkel als ich die Arbeit einstelle. Mit dem Ergebnis bin ich noch nicht wirklich zufrieden. Im Eifer des Gefechtes habe ich auch noch eine der Schrauben kaputt gemacht. Ärgerlich. Ein weiterer 15 Stunden Tag geht zu Ende. Und wann der Bus in den Container geladen werden kann ist immer noch nicht geklärt.

Donnerstag

Ich wache um 5:30 Uhr auf, noch früher als am Tag zuvor und es regnet in Strömen. Ich kann nicht mehr schlafen und so wasche ich meine T-Shirts der letzten Tage. Trotz angenehmen 30° Celsius bin ich jeden Tag klatschnass geschwitzt. Ich zwinge mich noch eine Stunde zu schlafen, packe ein Frühstück für unterwegs ein und sitze schon wieder im Taxi. Ich muss eine neue Schraube besorgen. Lalu freut sich mich zu sehen und ich nehme noch ein paar Ersatzschrauben mit. Da ich noch keine Rückmeldung vom Zoll habe geht es dann erst einmal zurück nach Hause.

Ich will Mr. Turtle noch waschen, damit es keine Probleme bei der Einreise nach Chile gibt. In Deutschland würde ich einfach zu einem Cleanpark fahren. Aber in Indien ist nichts einfach. Ich spaziere über eine Stunde durch den Regen, um eine Tankstelle zu finden, in der auch Autos gewaschen werden und hole dann Mr. Turtle. Bei den Wasch-Jungs kann ein Inder zum Glück für mich übersetzen. Mir geht es in erster Linie um den Unterboden und die Radkästen. Dort hängt der Schlamm der letzten Monate. Der vorhandenen Hebebühne traue ich die drei Tonnen von Mr. Turtle nicht zu und so heben wir ihn mit dem Wagenheber ein bisschen an.

Die Jungs legen los. Damit Sie auch das Dach putzen können, baue ich noch unsere Leiter auf. Da ich inzwischen ein gutes Gefühl für Indien habe, weiß ich das ich die Putzaktion nicht unbeaufsichtigt lassen kann. Und behalte recht. Obwohl ich es gesagt hatte, kann ich einen von ihnen gerade noch davon abhalten sich an der Aufnahme für die Leiter hochzuziehen. Den gleichen Inder muss ich dann auch noch davon abhalten Mr. Turtle aufs Dach zu steigen. Und so schrubben drei Inder für eineinhalb Stunden Mr. Turtle. Das Ganze für umgerechnet knapp fünf Euro. Zum Abschluss des Tages bekomme ich von Poolak noch eine Hiobsbotschaft. Der Zollbeamte ist heute nicht bei der Arbeit erschienen. Das Thema Zoll ist immer noch offen, mein Terminplan ist dahin. Der Tag mal wieder gelaufen.

Freitag

Am Morgen will ich noch kurz zum Bus und eine Matte aus der Heckbox holen. Dabei stelle ich fest, dass im letzten Monat eine Ameisenkolonie hier ihr Quartier bezogen hat. Ich fluche und fange an die Box auszuräumen. Ich kippe noch ordentlich Wasser hinein aber so ganz lassen sich die Biester nicht entfernen. So ziehe ich los und besorge noch Insektenvernichtungsmittel. Der Tag zieht sich ohne Rückmeldung vom Zoll dahin. Ich nutze die Zeit und verbessere meine Unterlegscheiben/Distanz-Konstruktion. Da ich keine geeigneten Distanzhülsen habe, verwende ich stattdessen je drei Unterlegscheiben pro Schraube zwischen Auto und Reifen. Damit diese nicht verrutschen schleife ich sie an und fixiere sie noch mit Tape. Ich verbringe noch zwei Stunden damit, bis ich Blasen an den Fingern bekomme.

Inzwischen ist Nachmittag und ich habe immer noch keine positive Rückmeldung vom Zoll. Ein weiterer Tag scheint gelaufen und ich versuche mehrmals Poolak zu erreichen. Ohne Erfolg. Erst gegen sechs Uhr abends ruft einer seiner Mitarbeiter zurück und erzählt mir, dass noch nichts weiter passiert ist. Ich rufe noch einmal Poolak an und dieser vertröstet mich und sagt, er meldet sich später. Als ich bis halb elf keine Rückmeldung bekomme, rufe ich wieder an. Und dann werde ich sauer. Es ist keine Freigabe erfolgt und da Samstags der Zoll nicht arbeitet, wird auch vor Montag früh nichts passieren. Poolaks Beteuerung, dass er diese Information erst vor einer Viertelstunde bekommen hat, kann ich einfach nicht glauben. Völlig frustriert beende ich das Gespräch.

Ich bringe es nicht übers Herz Isi anzurufen und ihr weitere schlechte Nachrichten zu überbringen. So entwickelt sich eine Idee. Vor meinem geistigen Auge, sehe ich, wie ich Isi am Bahnhof in Bangkok überrasche. Und so sitze ich eine halbe Stunde später im Taxi auf dem Weg zum Flughafen. Am nächsten Morgen im Bahnhof von Bangkok bin ich aber dann der Überraschte. Isi hat bereits eine Station vorher den Zug verlassen und sitzt in einem Café beim Frühstück. Als ich sie dann endlich finde, klappt es mit der Überraschung doch noch.

Samstag/ Sonntag: Nach meiner Wochenend-Flucht aus Kalkutta findest du diesen Teil in Kürze im Reisebericht Thailand.

Schon wieder Montag:

Mein Wochenende ist bereits Sonntagnacht um ein Uhr vorbei. Auf dem Flug zurück nach Kalkutta kann ich nur wenig schlafen und auch nachdem ich zurück in meinem Zimmer bin und mich noch etwas hinlege, komme ich nicht wirklich zur Ruhe. Ich stelle mir den Wecker auf neun Uhr und rufe Poolak an. Ich will den aktuellen Stand der Zollfreigabe wissen. Er sichert mir zu, dass die Freigabe bis zum Mittag erfolgt. Ich sehe meine Pläne schon wieder in Gefahr. Also nutze ich die Zeit und putze noch einmal die Regenspuren vom Wochenende von Mr. Turtle.

Dann bekomme ich endlich die ersehnte Erlaubnis in den Hafen zu fahren. Aritra, ein Mitarbeiter von Poolak will mich um circa ein Uhr Mittags abholen. Bis er tatsächlich auftaucht, ist es zwei Uhr. Aus den angeblichen vier Kilometern zum Hafen werden dann auf einmal elf Kilometer. Da Mr. Turtle bereits tiefergelegt ist, wird die Fahrt zum Spießrutenlauf. Ich muss größere Schlaglöcher vermeiden.Und so dauert es eine Stunde bis zum Hafen. Die letzten fünfhundert Meter stellen sich dann als verschlammte Offroad-Piste heraus. Das Putzen hat sich nicht gelohnt. Ich habe schon das Gefühl, dass es heute wieder nicht klappt. Im Hafen selber muss ich auch noch warten, bis klar ist, wo wir beladen können. Wieder einmal eine Fehlinformation. Denn zuvor hieß es noch, es sei bereits alles vorbereitet.

Endlich einigt man sich auf einen Platz, wo ich mit der Arbeit beginnen kann. Zur Sicherheit stellen die Hafenmitarbeiter noch zwei große Container um Mr. Turtle herum auf, sodass er vom hektischen Verkehr auf dem Gelände abgeschirmt ist. Ich kann die Container Reifen montieren, was überraschend geschmeidig funktioniert. Die Probemontage hat sich mehr als gelohnt. Nachdem Mr. Turtle auf den Reifen steht, äußert Aritra Bedenken. Seiner Meinung nach sieht der Bus noch viel zu hoch aus. Und so nährt er auch meine Zweifel wieder, dass ich mich vermessen habe. So machen wir uns noch die Mühe und messen nach: 2,24 Meter. Mr. Turtle sollte durch die 2,28 Meter hohe Türöffnung passen. Ob es wirklich so ist, erfahren wir heute aber nicht mehr, denn inzwischen wird es dunkel und der Zoll könnte heute keine Abnahme mehr machen.

Dienstag: Jetzt oder nie

Heute muss alles klappen. Meine letzte Chance rechtzeitig nach Thailand zu kommen, um mit Isi den gebuchten Flug nach Sumatra zu nehmen ist der Flieger um 1:45 Uhr Nachts . Und selbst damit besteht das Risiko, dass die Umsteigezeit zu knapp ist und ich den Flug verpasse. Entsprechend bin ich morgens um sechs Uhr schon wieder hellwach. Ich muss noch etwas Bargeld besorgen und klappere ein paar Geldautomaten in der Umgebung ab. Ohne Erfolg, ich bekomme kein Geld. Nachdem ich meinen Skype-Account nach Jahren wieder aktiviere, kann ich die Bank in Deutschland anrufen. Die sagt mir, dass ein Mindestabhebebetrag von 50 Euro vorgeschrieben ist. Also gehe ich noch einmal los, bekomme aber wieder kein Geld. Inzwischen habe ich auch mit Poolak telefoniert und die Pläne haben sich mal wieder geändert. Ich soll erst für die Rechnung ins Büro kommen, danach geht es dann zum Hafen. Auf dem Weg ins Büro wechsle ich dann noch ein paar Dollar, um nicht ganz blank zu sein.

So bin ich um kurz nach zehn im Büro und darf mal wieder warten. Es wird wild diskutiert, aber ich verstehe nichts. Anscheinend soll es heute tatsächlich mit der Zollabnahme und dem finalen Verpacken klappen. Um zu Bezahlen hatten wir uns schon im Vorfeld auf Bezahlung mit Kreditkarte geeinigt. Bei einem Abhebelimit von etwas mehr als 100 Euro am Tag an indischen Geldautomaten ist es kaum anders möglich. Aber erst mit dem zweiten Gerät, das ausgepackt wird scheint die Probeabbuchung mit Poolaks Kreditkarte zu funktionieren. Nachdem wir die Rechnung durchgehen gibt es zwei Überraschungen. Trotz tagelanger Vollzeitbetreuung und diverser Extrarunden bleibt der Gesamtbetrag gleich. Allerdings ist die zweite Überraschung weniger schön. Das Angebot, das er uns vor einem Monat gemacht hat ist noch vor Steuer und so kommen noch 20 Prozent GST, die indische Mehrwertsteuer, auf den Betrag. So bezahle ich jetzt circa 3200 Dollar für die Verschiffung. Ich stecke meine Karte in den Leser und geben meinen Pin ein und stutze. Die Bezahlung wird abgelehnt. Ich rufe die Bank an aber ich bleibe in der Warteschleife hängen. Nach einigen Versuchen, beschließen wir erstmal zum Hafen zu gehen.

Es ist bereits ein Uhr als wir dort ankommen. Es steht die Begutachtung durch den Zoll an. Ich lerne, dass es zwei unabhängige Abteilungen gibt, die beide den Bus überprüfen und dann Ihre Ergebnisse vergleichen. Aber es setzt erst wieder ein Monsun-Schauer ein und die nächste Stunde verbringen wir mit Warten. Als das Wetter wieder besser wird, wird der Bus nacheinander von insgesamt drei (!) Zollbeamten begutachtet. Zum Glück beschränken sie sich auf die Fahrgestellnummer, Motornummer und einen flüchtigen Blick in den Innenraum und die Fahrradbox. Dank der dreiseitigen Liste mit allem was so im Bus ist, die ich vorbereitet habe sind sie schnell zufrieden.

Kurz darauf, gegen vier Uhr, bekomme ich dann die Freigabe Mr. Turtle in den Container zu bringen. Es wird spannend.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Unter den kritischen Augen von einem halben Dutzend Indern starte ich den Motor und rumpele auf den Stahlreifen vor den Container. Ein Inder hat auf einem Hänger nebenan Stellung bezogen, um die obere Dachkante im Auge zu behalten. Schritt für Schritt taste ich mich die Rampe hoch, was gar nicht so einfach ist. Die Reifen drehen mangels Grip immer wieder auf der Rampe durch. Als die Vorderreifen im Container sind, steige ich aus und schaue mir das Zwischenergebnis an. Das Thema Höhe, was mich monatelang beschäftigt hat, ist keines. Durch den Einfahrwinkel ist deutlich Platz nach oben vorhanden. Ein Blick unter Mr. Turtle zeigt dann aber meine zweite Sorge. Er ist nun so weit tiefergelegt das der Wassertank aufsetzen wird. Und tatsächlich, nachdem ich noch ein Stückchen vorfahre, ist kurz bevor die Hinterreifen auf die Rampe kommen Schluss. Der Wassertank sitzt auf. Ist aber alles kein Problem, mit Hilfe des Wagenhebers und ein paar Holzstücken heben wir das linke Hinterrad auf ein etwas höheres Niveau. So bin ich schneller und entspannter im Container als gedacht und die Hafenmitarbeiter machen sich ans Verzurren der geliebten Ladung. Ich bin sichtlich erleichtert.

In der Zwischenzeit hatte mich meine Bank, natürlich erfolglos, zurückgerufen. So rufe ich zurück und lande wieder in der Warteschleife. Ich muss noch warten, eine finale Zollüberprüfung steht an. Der letzte Zollbeamte muss prüfen, ob tatsächlich auch Mr. Turtle im Container steht. Es gibt noch eine Diskussion zwischen Poolak und dem Zollbeamten. Wie ich erfahre ging es noch um Schmiergeld, damit der Container heute fertig wird. Poolak sagt mir, das in Indien leider kein Container das Land verlässt ohne das Schmiergeld fließt. Um sechs Uhr wird dann der Container vom Zollbeamten und der Reederei verplombt. Just in diesem Moment bekomme ich einen Rückruf von der Bank und erkläre der Mitarbeiterin das Problem, welches dann keins mehr ist. Das Lesegerät von Poolak hat eine Sicherheitslücke und deswegen wurde meine Karte gesperrt. Allerdings kann sie diese Sperre für ein paar Stunden deaktivieren, so dass ich meine Zahlung durchführen kann. Und tatsächlich als wir dann eine Stunde später wieder im Büro sitzen kann ich problemlos bezahlen.

Poolak bringt mich dann auch noch zurück in meine Unterkunft. Ich bedanke mich herzlich bei ihm und verabschiede mich. Es ist neun Uhr Abends. Ich buche meinen Flug und packe. Meine Gastgeberinnen Ratna und Reeta machen mir noch ein kleines Abendessen und organisieren mir eines der gelben Taxis zum Flughafen. Ich bin zwar etwas skeptisch aber Ratna beruhigt mich und verweist darauf, dass der Fahrer der Taxameter benutzt. Als ob ich es geahnt hätte will der Fahrer am Flughafen dann aber 450 anstatt der 325 Rupien auf dem Zähler. Er packt einen kleinen laminierten Zettel aus und erzählt etwas von offiziellen Preisen. Allerdings hat er die Rechnung ohne mich gemacht und ich fange noch einmal richtig herzlich das Schreien an. Er wehrt sich noch kurz und erzählt was von Polizei. Ich lasse mich nicht beeindrucken, drücke ihm 325 Rupien in die Hand und lasse ihn stehen. Jetzt muss ich nur noch in den Flughafen kommen. Und scheitere. Ich habe kein Screenshot von meinem Ticket auf dem Handy also lassen mich die Soldaten am Eingang nicht hinein. Es sollte noch eine weitere dreiviertel Stunde dauern bis meine Internetverbindung wieder funktioniert und ich ein Ticket vorweisen kann. Zum Glück habe ich noch Zeit, bis mein Flug geht … Das Flugzeug hebt pünktlich ab. Auf Nimmerwiedersehen Indien.

Und unser, zugegeben etwas gewagter Plan, geht auf. Ich treffe Isi eine Stunde vor Abflug in Bangkok am Gate. Wir haben noch Zeit, um gemütlich zu frühstücken und dann sind wir auch schon auf dem Weg nach Sumatra.

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