Von Santiago de Chile ans Meer nach El Quisco

Nach einem Stopover in Deutschland landen wir Mitte September in Santiago de Chile. Dort adoptieren wir Hündin Mila und ziehen an die Küste nach El Quisco weiter. Und dann kommt endlich das Container-Schiff mit Mr. Turtle an. Dessen erschreckender Zustand ruft insbesondere bei Eini viele Indien-Erinnerungen wach.

Nachdem uns die Flugpreise im September keine Wahl gelassen haben und wir ja bekanntlich mehr Zeit als Geld haben, fliegen wir am 16. September 2018 von Frankfurt in die Dominikanische Republik. Dort kommen wir mitten in der Nacht am Flughafen an und müssen, entgegen der Informationen beim Check-In in Deutschland, unser Gepäck abholen, durch die Zollkontrolle – vor der wir noch unser gesamtes Obst verzehren müssen (und vergessen, dass wir noch in einer Dose, die nicht kontrolliert wird, eine Paprika mitführen) und einreisen. Anschließend hängen wir stundenlang in der Schlange vor dem Check-In Schalter ab und warten darauf, dass dieser endlich öffnet und wir unser Gepäck wieder abgeben können.

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Wartezeit in Panama.

Schließlich bringt uns der nächste Flug nach Panama, wo es glücklicherweise einen Transitbereich gibt, und erst der dritte dann endlich nach Santiago de Chile, wo wir am Abend ankommen. Dort warten wir erst einmal circa eine Stunde in der Einreiseschlange bis wir an der Reihe sind. Mit dem Bus fahren wir zur nächsten Metrostation. Und haben ein Problem. Metrofahren in Santiago de Chile kann nur, wer eine entsprechende Karte besitzt. Die bekommt man nicht am Automaten, sondern nur am Schalter zu den Öffnungszeiten. Und Abends um zehn Uhr natürlich nicht mehr. Glücklicherweise lässt das Sicherheitspersonal uns einfach umsonst in die Station. Beim Verlassen muss man keine Karte mehr vorzeigen und so kommen wir problemlos ins Barrio Italia, wo wir für die erste Woche ein Zimmer in der Wohnung eines Pärchens gemietet haben.

Santigo de Chile

Die nächsten zwei Tage vergehen dann überraschend ruhig. Denn in Chile sind Feiertage und so ziemlich jeder Chilene scheint Familie außerhalb der Stadt zu besuchen. Die Straßen sind wie leergefegt. Allerdings bedeutet das für uns auch, dass die großen Supermärkte und die meisten Restaurants geschlossen haben. Das ist umso bedrückender, da das Barrio Italia für seine vielen Restaurants bekannt ist. Wir kommen uns zwei Tage wie die Besucher einer Geisterstadt vor. Da wir aber ohnehin völlig übermüdet sind und das Wetter ebenso trüb ist, verbringen wir die meiste Zeit in dem gemütlichen Bett der ansonsten eher kalten Wohnung. Denn in Chile ist es eher unüblich eine Heizung zu haben.

Als das Leben in die Stadt zurückkehrt, wird auch das Wetter besser. Wir beschränken uns jedoch auf minimales Sightseeing. Nachdem wir zuletzt Bangkok und Singapur besucht haben, hält sich die Lust große Städte zu erkunden in Grenzen.

Am Sonntag besteigen wir dann aber doch noch den Hausberg von Santiago, den San Cristobal. Wir laufen – dem gesperrten Wanderweg und unserer Neugierde geschuldet – die städtischen Mountainbiketrails hinauf und sind begeistert, was mal wieder in Bezug auf Mountainbiking außerhalb Deutschlands und Österreichs möglich ist.

Santiago erscheint uns ohnehin wie eine große Fahrradstadt. Überall sind Radwege angelegt. Am Sonntag ist sogar eine komplette Straße gesperrt und die Einwohner ziehen auf Mountainbikes, Rennrädern und allem was die Fahrradwelt hergibt in Scharen darüber. Außerdem sind wir begeistert von der riesigen Sports-Mall, einem Einkaufszentrum nur für Sportgeschäfte. Und wir sind verwundert, warum es sowas nicht längst auch in Deutschland gibt.

Eine Chilenin namens Mila

Wir können es uns auch nicht nehmen lassen, bereits zwei Refugios (Tierheime) in der Stadt zu besuchen. Und entdecken dabei eine Hündin, die so gar nicht an diesen traurigen Ort gehört. Nachdem wir am Montag den Mietwagen abgeholt haben, um von Santiago an die Küste umzuziehen, fahren wir also als Erstes zum Refugio, um Mila einzupacken. Ab jetzt reisen wir zu dritt.

Mehr zur Adoption von Mila gibt es in Kürze in einer neuen „Reisen mit Hund“-Rubrik.

El Quisco

Mila übergibt sich gleich nach den ersten acht Kilometern. Doch das Schlamassel ist überschaubar, das Futter war noch nicht verdaut. Nach einer aufregenden Fahrt kommen wir am Abend in El Quisco an.

Über eine facebook-Gruppe haben wir Kontakt zum 32-jährigen Chilenen Daniel, der zusammen mit seiner Mutter hier Ferienwohnungen vermietet. Hunde sind willkommen, die beiden haben selber drei und man ist fast genauso gespannt auf die Ankunft von Mr. Turtle wie wir es sind. Die große Wohnung liegt etwa zwei Kilometer vom Meer entfernt am Hang und entspricht chilenischem Standard. Zum Heizen haben wir eine Feuerstelle im Wohnzimmer, vor der Mila tagsüber ihren Platz bekommt. Zu dritt machen wir in den folgenden Tagen viele Küsten- und Strandspaziergänge in El Quisco und in den Nachbarorten Isla Negra und Algarrobo.

Kurioserweise haben wir in letzterem vor drei Jahren nach unserer Patagonien-Reise vier Tage in einer Ferienwohnung verbracht, deren Preis wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht mehr leisten können. Wir genießen die Ruhe der Nebensaison, auch wenn das Wetter noch schwankt. Nur an den Wochenenden ist auch jetzt schon mehr los, dann kommen auch die chilenischen Touristen ans Meer. Und die Abende verbringen wir klischeehaft vor dem Fernseher am Feuer.

Wie empfängt man einen Container in Chile?

Direkt am Tag nach unserer Ankunft fahren wir zum Zoll nach San Antonio. Die Papiere für Mr. Turtle sind bald bearbeitet und man verweist uns an ein Büro in der Nähe für den weiteren Vorgang. Nachdem wir den Pförtnern zugesichert haben, den Dreck den der Hund machen könnte auch zu entfernen und wir Mila mit dem Aufzug erfolgreich in den 13. Stock gebracht haben, bekommen wir schon wieder eine neue Adresse im Hafen. Dort erfahren wir von der netten Mitarbeiterin, dass man uns hier gar nicht weiterhelfen kann. Auf unseren Container-Papieren sei eine Adresse in Valparaiso vermerkt, die mit der Containerfirma zusammenhängt und wir müssten uns dort melden. Valparaiso? Haben wir richtig gehört? Ja. Wir können es nicht glauben. Egal was man mit den Indern macht, es kommt doch etwas anderes dabei heraus. Wir haben doch extra nach San Antonio verschifft, weil wir gelesen haben, dass es hier entspannter zugeht als in Valparaiso. Die Frau ist zum Glück sehr hilfsbereit und übernimmt den Anruf bei der Firma.

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Sonnenuntergang von der Terrasse.

Uns bleibt nichts anderes übrig und wir haben die Situation auch noch nicht recht durchschaut. Am nächsten Tag fahren wir also nach Valparaiso. Zum Glück waren wir auch hier vor drei Jahren schon und kennen einen Parkplatz in der engen Innenstadt. Im Büro der Agentur erklären uns zwei Mitarbeiter dann das weitere Vorgehen und legen uns schließlich die Rechnung vor. Wir müssen schlucken. 1400 US-Dollar. Der Preis für die Hafengebühren, für das Abladen des Containers vom Schiff, den Transport vom Hafen zum Seaport (wo wir den Container in Empfang nehmen können), die Reinigung des Containers (ein Pauschalbetrag, den angeblich jeder Nutzer eines Containers in zahlen muss und den wir nicht nachvollziehen können, da der Container in Indien bereits schmutzig war …) und natürlich die Service-Gebühr der Agentur. Daneben liegt eine zweite Rechnung über weitere 500 US-Dollar, die nicht genauer erklärt ist. Nachdem wir uns die erste Rechnung schlüssig haben erklären lassen und soweit verstehen, wir hatten mit einer Rechnung von circa 600 Euro gerechnet, hatten aber eigentlich auch gedacht, dass wir es ohne eine Agentur hinbekommen, widmen wir uns der zweiten. Anscheinend hat der Mitarbeiter der Firma inzwischen gemerkt, dass wir tatsächlich keine wohlhabenden Reisenden sind und meint plötzlich: „Diese Rechnung können wir eigentlich streichen, da ihr ja bereits in San Antonio die Zollpapiere besorgt habt“. So so, man wollte uns also 500 US-Dollar berechnen, für eine halbe Stunde auf Zollpapiere warten? Dann erfahren wir, dass wir angeblich schon viel zu spät dran sein und eigentlich noch eine Strafgebühr dafür fällig sei, aber diese müssten wir nicht bezahlen.

 

Mit dem Gefühl, nicht gänzlich über den Tisch gezogen worden zu sein, aber vielleicht doch noch ein günstigeres Angebot bei einer anderen Agentur hätten finden zu können, wäre dafür noch Zeit gewesen, verlassen wir Valparaiso und gehen mit Mila spazieren. Und schon merken wir, wie sie uns hilft an stressigen und nervenaufreibenden Tagen zu entspannen. Am Abend klappt dann die online-Überweisung der Rechnung nicht wie geplant, die Gebühren dafür sind sowohl bei dem online-Portal transferwise als auch die unserer deutschen Bank viel zu teuer und es würde Tage dauern, bis das Geld in Chile ankommt. Günstiger ist es noch einmal nach Valparaiso zu fahren und in Efectivo, also bar zu bezahlen. Und das macht Eini am nächsten Tag, während ich mit Mila lange an der Küste spazieren gehe.

Das langersehnte Wiedersehen

Wir müssen noch weitere fünf Tage warten. Das Schiff kommt mit etwas Verspätung gerade noch so vor dem Wochenende an. Am Dienstag können wir endlich zum Seaport fahren, um den Container zu öffnen. Eine Herausforderung. Denn zunächst möchte man uns nicht an den Container heranlassen, da wir keine Sicherheitskleidung tragen. Erst beim Anblick von Mr. Turtle verstehen die Arbeiter, dass wir ihnen nicht einfach den Schlüssel geben können, damit sie unser Auto aus dem Container fahren. Die Batterie ist schließlich vorschriftsmäßig abgeklemmt und wegen der Containerreifen brauchen wir eine passende Rampe. Also schickt man uns weg, um Sicherheitskleidung zu besorgen. Als Eini die Batterie anschließen möchte, suchen wir vergeblich eine kleine Rätsche, die er mit hundertprozentiger Sicherheit neben das Auto gelegt hat, bevor in Indien der Container vor seinen Augen vom Zoll versiegelt wurde. Erst als Eini sich in gewohnter Indien-Manier aufregt, zieht der Chef der Truppe und derjenige, der uns bei diesem Prozess eigentlich zur Seite stehen soll, unsere Rätsche aus seiner Jackentasche … Seine Erklärung auf Spanisch versteht Eini nicht. Wir sind uns sicher, dass er sie klauen wollte, aber gemerkt hat, das ohne genau das Teil hier nichts vorwärtsgehen wird.

Nachdem wir ausgeladen haben, lässt man uns in Ruhe und Eini hat Zeit Transportteifen und -federn zu wechseln. Als wir den Bus von innen begutachten offenbart sich jedoch ein Drama. Die Luftfeuchtigkeit aus Indien hat sich im geschlossenen Mr. Turtle ausgebreitet. Alle Oberflächen sind von einem Schimmel überzogen. Und es stinkt entsetzlich. Vorhänge, Polster und alles was nicht richtig weggepackt war, stinkt.

Gleichzeitig stellen wir fest, dass es eine ziemlich blöde Idee war, Kaktus Marcel im Bus zu lassen. Die Ameisen, die sich kurz vor der Abreise noch in Kalkutta im Bus eingenistet hatten, haben hier eine Überlebensquelle gefunden. Diskret entsorge ich den Kaktus. Und während Eini draußen beschäftigt ist, fange ich an alle erreichbaren Oberflächen abzuwischen. Schließlich müssen wir noch durch den Zoll und wissen nicht, ob der bei diesem Zustand nicht doch einen ganz genauen Blick auf Mr. Turtle werfen wird. Doch wir haben Glück. Als nach der Mittagspause alle Mitarbeiter wieder zurück sind, der Zoll aber anscheinend noch nicht, bearbeitet man unsere Papiere und lässt uns ziehen, ohne dass mehr kontrolliert worden wäre, als die Fahrgestellnummer.

Unerwartete Arbeit

Als hätten wir vor der Verschiffung in Indien nicht auch schon alles gewaschen und geputzt, sind wir jetzt erneut tagelang von morgens bis abends damit beschäftigt den Bus komplett auszuräumen, alle Vorhänge, Bezüge und teilweise stinkende Kleidung und andere Textilien zu waschen, alle Oberfläche zu säubern, die Sitzpolster zu schrubben und alles neu zu sortieren und einzuräumen. Die Wäsche zu waschen entpuppt sich als die größte Arbeit. Wir dürfen zwar netterweise die Waschmaschine benutzten. Doch handelt es sich um eine Maschine, bei der wir jeden, noch dazu nur sehr wenige Minuten dauernden Waschvorgang, manuell starten müssen. Und auch das Wasser dazu muss manuell eingefüllt werden. Eigentlich aus dem Gartenschlauch. Doch da wir zumindest mit dem Waschmittel warm waschen wollen, füllen wir Eimer um Eimer, und Topf um Topf mit warmen Wasser an unserem Wasserhahn in der Küche und tragen sie in den Garten hinunter. Das versehentliche starke Schleudern der Maschine strapaziert die selbstgenähten Bezüge und ich sitze zwei Stunden lang auf dem Sofa und entwirre die gezogenen Fadenknäuel, indem ich sie abschneide. Unsere gemütlichen dicken und nun verschimmelten Federkopfkissen (die es in Chile nicht zu kaufen gibt …) wandern schweren Herzens in die Mülltonne. Immerhin sind Polster und Bettdecke nicht vom Schimmel befallen.

Da wir auch Lebensmittel im Bus hatten und nicht alles, was offen war, in Indien entsorgt hatten, finden wir auch hier das ein oder andere, in dem sich lebende Organismen breit gemacht haben. Da wir jetzt aber auch noch einen Hund haben, der seine täglichen Spaziergänge fordert, besteht unser Rhythmus tagelang aus den Komponenten: Hund-Bus-Hund-Bus-Hund-Bett. Jeden Tag fallen wir abends tatsächlich todmüde in die Kissen und schlafen sofort ein. So haben wir uns die langersehnte Ankunft von Mr. Turtle nicht vorgestellt. Immerhin hat Mila ausreichend Zeit, sich an den Bus zu gewöhnen. Sie glaubt ja sicherlich inzwischen, dass die Ferienwohnung ihr neues Zuhause sei. Nach sechs Tagen sind wir endlich halbwegs zufrieden mit dem Resultat. Und wir sind uns sicher: So sauber war Mr. Turtle nicht einmal vor der Abreise aus Deutschland.

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