Santiago de Chile, die Zweite oder „Nein, wir sind nicht im Urlaub“

Es gibt Tage, an denen eine Überlandreise keinen Spaß macht. An denen wir einfach nur gestresst sind. An denen vieles schiefgeht und einem die Gasflasche um die Ohren fliegt. An denen wir erschöpft sind aber zahlreiche Erledigungen machen müssen. An denen der Bus repariert, aber erst einmal die Ersatzteile gefunden werden müssen. An denen wir — ganz ehrlich — lieber zu Hause wären.

Wir mögen es nicht, wenn man uns nachsagt, wir seien im Urlaub. Nicht, weil wir daran keinen Gefallen hätten. Klar, wären wir gerne die ganze Zeit im Urlaub. Klingt ja toll. Aber es ist nicht wahr. Wir befinden uns auf einer Überlandreise mit eigenem Fahrzeug. Wir verbringen eine Phase unseres Lebens damit in unserem Auto zu leben und Länder zu bereisen. Und die Reise ist längst zu unserem Leben geworden. Wir haben uns das so ausgesucht und wussten, dass es auch schwierig und anstrengend werden wird. Wir haben nicht nur gute Tage. Wir haben Probleme. Wie zu Hause auch, aber andere und phasenweise sogar mehr, weil wir kein zu Hause mehr haben. Wir erleben wenig von dem, was andere in einem Urlaub machen würden. Eine dieser Situationen, die definitiv keinem Urlaub entspricht, ist unser zweiter Aufenthalt in Santiago de Chile.

Nach dem Roadtrip durch den Kleinen Norden Chiles planen wir ein paar Tage für Erledigungen ein. Die To-do-Liste ist lang und setzt sich aus Dingen zusammen, die wir tatsächlich wohl nur hier finden und kaufen können und Dingen, die wir einfach endlich mal erledigen müssen: Ersatzteile für den Bus, Papierkram für den Hund, die Investition in neue Trekkingstiefel, daneben so belanglos klingende Dinge wie Wäsche waschen und Geld abheben, die sich auf Reisen in viel gewichtigere und schwieriger umsetzbare Themen entwickeln. Kurz vor unserer Rückkehr nach Santiago funktioniert dann plötzlich auch unsere Prepaid-Simkarte nicht mehr und wir müssen eine neue kaufen. Über eine chilenische Überlandreisegruppe in Facebook geraten wir dann einen Tag vor der Ankunft in der Stadt zufällig in Kontakt mit einer Familie, die uns einlädt bei sich auf dem Grundstück zu parken und auch die Wäsche bei ihnen zu waschen. Dann lassen wir uns auf das Abenteuer Großstadt ein. Und die ist mit knapp sechs Millionen Einwohnern wirklich groß. Etwa 40 Prozent aller Chilenen wohnen im Großraum Santiago in der Region Metropolitana.

Samstag und Sonntag

In Santiago läuft dann natürlich nicht alles, wie es soll. Die Bank will plötzlich horrende Gebühren fürs Abheben und wir steuern mehrere Filialen an, bis wir das doch noch einmal umgehen können. Unterwegs entdecken wir auf einem Parkplatz einen Ford Transporter mit Schweizer Kennzeichen. Da niemand am Bus ist, hinterlassen wir unsere Kontaktdaten. Anschließend holen wir den lange benötigten Gasflaschen-Amerika-Adapter bei der Deutschen ab, die ihn uns mitgebracht hat. Die Familie, die uns eingeladen hat, wohnt viel weiter außerhalb als gedacht. Unsere neu erworbene Simkarte bringt uns hier nicht viel, denn der Empfang geht gegen null. Und WLAN gibt es keines.

Die guten Nachrichten: Die Bremsbeläge hinten sind noch nicht komplett runter. Wir haben also Zeit in Argentinien Ersatz zu finden, da der T4 in Chile nicht verkauft wurde und es somit auch mit Ersatzteilen schwierig ist. Sven findet heraus, warum die Handbremse nicht mehr richtig hält und bearbeitet den Gleitstift mit WD40. Die kaputte Trinkwasserpumpe können wir endlich austauschen, denn dafür muss der halbe Boden ausgebaut werden. Zum Glück haben wir ein Ersatzteil. Gute und schlechte Nachricht: Wir dürfen die Waschmaschine benutzen, die wäscht aber nur kalt, was es mal wieder unmöglich macht Flecken zu bekämpfen, und einige T-Shirts sind nach dem Schleudergang ausgeleiert. Weitere gute Nachrichten. Die Familie sagt, wir sollen uns soviel Zeit lassen, wie wir brauchen, um unsere Sachen zu erledigen und wir sollen ihr kleines Zweitauto benutzen, um in die Stadt zu fahren, damit wir den Bus stehen lassen können. Wir sind überwältigt von soviel Hilfsbereitschaft und können nur ungläubig immer wieder Danke zu sagen.

Montag

Der Montag vergeht mit Autofahren — wir brauchen im Stadtverkehr circa anderthalb Stunden ins Zentrum — ewiger Ersatzteilsuche, immerhin finden wir eines am Ende des Tages, und einem Hundespaziergang. Doch leider warten wir auch den ganzen Tag darauf, dass sich der Leiter des Tierheims meldet, um uns Milas fehlende Impfpapiere mit unseren Daten und ihrer Chipnummer und den Adoptionsvertrag zu übergeben. Das wird dann schließlich nichts mehr. Nachdem wir uns an diesem Tag auch unzählige Male verfahren haben ist es schon halb zehn am Abend, als wir wieder im Süden ankommen. Die Familie ist natürlich interessiert, wie unser Tag war. Mein Kopf brummt, denn da alle nur Spanisch sprechen, muss ich viel mehr reden und auch für Eini dolmetschen.

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Unser roter Stadtflitzer.

Dienstag

Eini muss am Bus ausmessen, ob auch eine Universalachsmanschette passt, denn ein VW-Teil ist nicht zu bekommen. Dann fahren wir wieder in die Stadt. Dieses Mal ganz in den Nord-Osten, denn dort ist die Sports Mall, an der wir den Tierheimleiter treffen und nach Trekkingstiefeln suchen wollen. Das mit den Papieren ist schnell erledigt. In der Mall gehen die Probleme los. Nur ein einziger Laden hat Frauenschuhe in meiner Größe. In allen anderen gibt es die nur bis Größe 40. Also kaufe ich das einzige Paar in meiner Größe. Kein so gutes Gefühl nicht vergleichen zu können, wenn man viel Geld in hochwertige Ausrüstung investiert. Für Eini finden wir erstmal nichts. Er setzt mich und Mila später wie am Vortag wieder am O’Higgins Park ab und fährt in die Ersatzteilstraße. Dort findet er die Manschette. Wieder ist es spät als wir heimkommen.

Mittwoch

Eini macht sich allein auf den Weg die Gasflaschen auffüllen zu lassen. Um halb elf fährt er los. Um halb sechs am Abend ist er zurück. Lipigas, wo laut der ioverlander-App schon einige Reisende erfolgreich mit Amerika-Adapter ihre Flaschen aufgefüllt bekommen haben, hat sein System umgestellt und füllt keine individuellen Flaschen von Reisenden mehr. Es folgte also eine kleine Odyssee, an deren Ende er doch noch Glück hatte. Ein kleiner Motorrad-/Gasauffüllshop kann die Flaschen vollmachen. Doch eine der fünf Kilogramm Gasflaschen war nicht komplett leer und der Mitarbeiter konnte nur genau fünf Kilogramm, also das genau Volumen füllen. Eini äußerte seine Sorgen. Der Mann winkte ab und füllt die Flaschen für den bisher höchsten Gaspreis der Reise: 8500 CP für fünf Kilogramm, in Summe also mehr als 20 Euro für beide Flaschen. Dann fährt Eini mit vollen Flaschen weiter und parkt für eine weitere Erledigung auf einem sonnigen Parkplatz. Als er 20 Minuten später zum Auto zurückkehrt, riecht es im Innern des Autos nach Gas. Als er die beiden Flaschen herausholt, fliegt ihm prompt das Sicherheitsventil der übervollen Flasche um die Ohren. Zum Glück nichts weiter passiert.

Donnerstag

Während Eini die Achsmanschette wechselt, reißt er dabei versehentlich ein Gewinde aus. Also versuchen wir, trotz schlechten Handy-Empfangs herumzutelefonieren und finden einen Laden, der einen Reparatursatz hat. Gleichzeitig entdecke ich, dass Tommy, der kleine verrückte Streuner der Familie, eine volle Ladung Flöhe im Fell hat. Die Familien-Hunde werden, Chile-typisch, im Garten gehalten — der in diesem Frühling voller Zecken ist — und sie werden nicht Gassi geführt. Was hier aufgrund fehlender Fußwege auch mit Mila eine Qual ist. Tommy büchst also ständig aus und da er permanent unsere Nähe sucht, entdecke ich auch in Milas Fell Flöhe. Scheiße! Es folgt ein Bad mit dem Wasserschlauch und Flohshampoo sowie eine Flohbehandlung. Tagelang kämme ich Mila ständig das Fell, um zu versuchen den Bus einigermaßen Flohfrei zu halten. Wir haben Glück und das Dilemma ist nach einigen Tagen überstanden, ohne dass die Flöhe auf uns oder das Inventar übergesprungen sind.

Freitag

Wir fahren noch einmal in die Stadt, um für Eini Wanderstiefel zu finden. Inzwischen wissen wir es mehr als zu schätzen, dass Auto der Familie nutzen zu können, denn so können wir auch die Maulstraßen befahren, für die die Einheimischen einen Sender im Auto haben und die wir allesamt mit dem Bus umfahren müssten. Nicht gerade eine kurze Strecke. Die Suche dauert bei starkem Stadtverkehr eine Weile an, denn wir sind mehr mit dem Vorwärtskommen von Laden zu Laden beschäftigt, als tatsächlich damit, Schuhe anzuschauen. Die Auswahl ist jedoch auch in der Stadt nicht allzu groß. In Bezug auf Einkaufen wissen wir Deutschland schon seit Asien sehr zu schätzen: Ersatzteile, Elektronik (wenn man sicher sein will, dass einem kein Schund angedreht wird), Outdoor-Zubehör, Lebensmittel: eine so große qualitativ hochwertige Auswahl zu so guten Preisen wie in Deutschland, haben wir noch in keinem anderen Land entdeckt. Kapitalismus und Globalisierung lassen grüßen. Zum Mittagessen treffen wir uns mit den Schweizer Besitzern des Fords, die sich bei uns gemeldet hatten und mit denen wir schon seit einigen Tagen schreiben. Rahel und Steffen sind in unserem Alter und seit diesem Sommer in Südamerika unterwegs. Auch sie sind gerade in Santiago, um ihre To-do-Liste abzuarbeiten. Wir verstehen uns super und hoffen noch etwas gemeinsam unternehmen zu können, denn während wir in den Süden weiterwollen, zieht es die beiden schon gen Norden.

Samstag und Sonntag — Wie, schon wieder Wochenende?

Wir gönnen uns eine Pause und merken jetzt richtig, wie erschöpft wir sind. Anlässlich unserer bevorstehenden Abreise machen wir Käsespätzle für die Familie. Abends steht die Geburtstagsfeier von einem der beiden kleinen Söhne an. Familie und Freunde kommen zu Besuch. Am Sonntag ist es dann wieder sehr heiß und wir verschieben unsere Abreise auf den späten Nachmittag. Nicht ohne vorher zum ersten und einzigen Mal den Pool der Familie zu nutzen.

Als wir uns verabschieden, ist bei unseren Gastgebern ehrliches Bedauern zu spüren. Sie hätten uns gerne noch eine Weile dabehalten. Sind aber inspiriert. Sobald die Tochter auf die Uni geht, wollen sie auch mit einem Camper reisen. Wir fahren an diesem Abend noch in die Berge östlich von Santiago. Denn wir wollen dort noch wandern gehen und hoffen, dass Rahel und Steffen dafür zu uns stoßen.

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Familienfoto mit Oma und Freundin (die Tochter und ein Hund fehlen).

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