Die Carretera Austral in Chile

Zurück in Chile erleben wir eine Hitzewelle und Waldbrände. Und wir nähern uns endlich der Carretera Austral. Eine „Traumstraße der Welt“. Mit traumhafter Landschaft und weniger traumhaften Straßen. 25 Tage und 1200 Kilometer holpern wir stetig schwankend mit zehn bis 70 Stundenkilometern in den Süden Patagoniens. Davon 700 Kilometer auf staubigem „rippio“, also Schotterpisten,


Vom Paso Hua Hum
 über Puerto Fuy nach Rio Bueno

Über den Paso Hua Hum reisen wir von Argentinien zurück nach Chile. Um wieder Anschluss an chilenische Straßen zu bekommen, müssen wir aber erst noch nach der Grenze eine Fähre über den Pirihueico See zum kleinen Ort Puerto Fuy nehmen. Es ist unerträglich heiß. Chile wird gerade von einer Hitzewelle heimgesucht. Die Temperaturen liegen zwischen 35 und 40 Grad Celsius. Trotzdem erkunden wir in den nächsten Tagen im nahen Wald — im Schatten — die Trails des Bikeparks. Doch mit einer Auffahrt pro Tag sind auch wir bei dem Wetter bedient und schwimmen lieber noch im Fluss. Sogar Mila wagt sich hinein. Vielerorts, auch in unserer Nähe, toben Waldbrände. Vom Eis kaufen kehrt Eini mit leeren Händen zurück — Bäume sind irgendwo auf die Stromleitungen gefallen und es gibt nur noch Wassereis …

Als wir weiterfahren ist die Hauptverbindungsstraße gesperrt und wir müssen einen größeren Umweg machen, um zum Highway zu gelangen. Hätten wir jedoch gewusst, dass die alternative Straße eine staubige Großbaustelle ist und auch noch der gesamte Ferienverkehr dort unterwegs ist, hätten wir sicherlich noch abgewartet. Doch die Hitze hat inzwischen längst Einfluss auf unser Denkvermögen genommen und wir fantasieren von Klimaanlagen … Wir beschließen den Tag an einem schönen Platz am See, wo wir eine nette Berliner Familie mit Wohnmobil treffen. Weiter gehts in den Süden, zum kleinen Ort Rio Bueno direkt an der Ruta 5. Dort treffen wir unsere urlaubende Gastfamilie aus Santiago. Sie hat auch den Brief mit Milas Titer-Testergebnisse für uns im Gepäck.

Von Puerto Varas zum Trekking ins Cochamó Tal

Der nächste Stopp ist Puerto Varas, ein Touristenort am See mit Blick auf den Osorno Vulkan. Hier treffen wir auch Nora und Hajo aus Berlin wieder. Wir genießen, dass jemand einen Blick auf den Bus hat. So können wir durch den Ort bummeln und uns für die geplante Trekkingtour im Cochamó Tal mit einem neuen Schlafsack und Regenhosen ausstatten. Die Straße nach Cochamó ist nicht asphaltiert und so rumpeln wir mal wieder über Schotterpisten.

Beitrag zum Trekking im Cochamó Tal folgt im Outdoor-Tagebuch.

Die Carretera Austral

Vom Cochamó Tal geht es noch einige Stunden auf Rippio weiter, bis wir den offiziellen „Startpunkt“ der Carretera Austral ereichen. Ab dort ist die Straße sogar für eine Weile asphaltiert. Doch dann landen wir wieder in einer Baustellenabfertigung. Endlich im Hafenort Hornopirén angekommen, steuern wir am Nachmittag gleich das Fährbüro an. Noch immer ist Sommerferienzeit und die Fähren muss man mindestens eine Woche im Voraus buchen. Das hat uns im Touristenbüro von Puerto Montt aber niemand gesagt. Zum Glück gibt es eine Warteliste und nachdem wir einen Tag im Ort „aussitzen“, rutschen wir auf dieser von Platz 15 auch schon auf Platz 2 und können an Bord. Der Tag ist leider etwas regnerisch und wir sehen zunächst nicht allzu viel vom Fjord. Doch wir haben Glück und es klart während der vierstündigen Überfahrt noch etwas auf. Es folgen 15 Kilometer über Land, dann müssen wir noch für eine halbe Stunde mit einer zweiten Fähre weiter. Einen Landweg in den Süden gibt es hier nicht.

Pumalín-Park und die Bucht von Santa Barbara

Die Fähre legt in Caleta Gonzales an. Inmitten des Pumalín-Parks. Wir verbringen drei Nächte auf kleinen Parkplätzen neben der Straße. Stoßweise kommen immer wieder Autos und Busse auf dem Weg zur Fähre vorbei. Ansonsten ist es ruhig. Wir steigen im Regenwald zu einem Wasserfall auf und spazieren zwischen den großen Araukarien Bäumen umher. Auf der Weiterfahrt wandern wir dann noch zum Chaitén Vulkan hinauf, der erst im Mai 2008 ausgebrochen ist und den zehn Kilometer entfernten Ort damals komplett zerstört hatte.

Kurz vor dem Ort Chaitén verbringen wir zwei Nächte in der wunderschönen Bucht von Santa Barbara, wo wir das Glück haben, Delfine und Seelöwen vorbeischwimmen zu sehen. Der Strand ist bekannt. So ziemlich alle Urlauber und Reisenden mit Zelt oder „Motorhome“ machen hier Halt und es ist viel los. Hier lernen wir auch Steph und James aus Seattle kennen. Von Chaiten geht es nun in zwei Fahrtagen weiter in die patagonische Hauptstadt Coyhaique. Auf dem Weg machen wir noch eine kleine Wanderung an einem Fluss entlang zum Aussichtspunkt auf zwei hängende Gletscher, die Ventisqueros Yelcho. So sparen wir uns am nächsten Tag die Tour in den Queulat Nationalpark, in dem es ebenfalls einen hängenden Gletscher zu sehen gibt, allerdings gegen Eintrittsgebühr und ohne Mila,

Die folgenden zwei Fahrtage auf der Schotterstraße nach Coyhaique setzen uns zu. So schön die Landschaft auf der Carretera Austral auch ist, das Geholper auf der Rippio-Piste ist es nicht. Unterwegs nehmen wir ein paar der zahlreichen und hauptsächlichen chilenischen Anhalter mit. Die komplette Jugend, hauptsächlich Studenten, reist in ihren Sommerferien „a dedo“, per Anhalter, durch das Land. Dabei sind sie auch mit Gepäck nicht sparsam. Große Rucksäcke und zahlreiche Taschen mit Zelt und Campingausrüstung sind normal.

Coyhaique, Hauptstadt der Región de Aysén

In Coyhaique gehen wir auf einen Campingplatz, wo wir auch James und Steph wieder treffen. Während Eini uns eincheckt, warte ich mit Mila vor dem Eingang im Auto. Da macht der Bus plötzlich einen Satz nach vorne. Die Ursache des Erdbebens: uns ist —mal wieder — jemand in die Box gefahren. Einer der Söhne der Campingplatzfamilie ist der Verursacher. Die Heckklappe hat durch den Aufprall eine Delle und einen Lackschaden bekommen. Nach ein paar Tagen haben wir uns mit ihm auf Entschädigung geeinigt. Er will uns erst den Wert des Schadens zahlen, den ein befreundeter Mechaniker auf umgerechnet etwa 100 Euro schätzt. Wir wissen, dass das für einen Chilenen sehr viel Geld ist. Daher schlagen wir ihm vor, uns stattdessen das Geld für die drei Nächte auf dem Campingplatz zu erlassen und auch Wäsche umsonst waschen zu können.

Villa Cerro Castillo

Nächster Stop ist der Ort Villa Cerro Castillo. Eigentlich wollten wir hier mindestens die Tagestour auf den Cerro Castillo machen, am liebsten sogar eine Mehrtagestour. Letzteres haben wir früh abgeschrieben, denn Hunde sind im Nationalpark mal wieder verboten. Und nach einigem Überlegen entscheiden wir uns auch gegen die Tagestour. Wir möchten die Touristenabzocke nicht mitmachen und umgerechnet etwa zwölf Euro pro Person bezahlen, nur um hier ein paar Stunden Wandern zu gehen. Der Cerro Castillo wird inzwischen als eine Alternative zum wesentlich spektakuläreren und überlaufenen Torres del Paine Nationalpark gehandelt. Das schlägt sich nun auch hier in den hohen Preisen nieder, die deutlich über den ansonsten in Chiles Nationalparks üblichen Eintrittspreisen liegen.

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Puerto Rio Tranquilo und Lago General Carrera

Das nächste Ziel ist der Hafen Rio Tranquilo am General Carrera See, der sich über Argentinien und Chile erstreckt und auf argentinischer Seite „Lago Buenos Aires“ genannt wird. Die Straße hier her ist weiterhin in einem schrecklichen Zustand. Das permanente Gerumpel bekommt uns allen nicht. Mila leidet auf ihre Weise. Ihr Blick sagt pausenlos: „Was tut ihr mir armen lieben Hund nur an? Das habe ich nicht verdient.“

In Rio Tranquilo machen wir einen Ausflug zu den Marmorhöhlen auf dem general Carrera See. Wir genießen die schöne Bootsfahrt, verstehen aber den Hype um diese Touristenattraktion nicht so ganz. Eigentlich würden wir nun gerne noch in das Valle Exploradores fahren, doch seit einem Erdrutsch im hiesigen Frühjahr ist die Straße noch nicht wieder befahrbar. Nur die ersten Kilometer in das Tal sind frei. So verbringen wir dort noch eine Nacht an einem anderen See, bevor wir in Richtung Cochrane und Patagonia Park aufbrechen.

Patagonia Park

Die Straße in Richtung Patagonia Park ist überraschenderweise in einem besseren Zustand. Wir machen im Park zwei lange Tageswanderungen. Immer wieder begegnen wir Guanacos, die Mila wohl für einen Puma halten und uns aus der Ferne laut anfauchen. Besonders gefällt uns die sehr gute Ausstellung im Besucherzentrum über den Einfluss des Menschen auf die Umwelt. Bedauerlich, dass sie hier an einem Ort zu finden ist, den vermutlich überwiegend Menschen besuchen, die ohnehin Wert auf Umwelt und Natur legen.

Hintergrundinfo:
Sowohl der Parque Patagonia als auch der Parque Pumalin wurden von The North Face und Esprit Gründer Douglas Tompkins († Dezember 2015) und seiner Frau Kristine geschaffen. Das Land wurde nach seinem Tod an die chilenische Regierung gespendet, unter der Bedingung hier Nationalparks zu errichten. Ab Mai 2019 sind beide Parks offiziell unter der Führung von CONAF (Corporación Nacional Forestal), die auch alle anderen chilenischen Nationalparks leitet. Die für uns sichtbarsten Veränderungen sind, dass die Campingplätze teurer wurden, von nun an Hunde verboten sind und beide Parks vermutlich auch bald Eintritt kosten werden. Hier gibt es einen Artikel zum Thema.

Eine versteckte Mine und Weiterfahrt nach Chile Chico

Der schlechte Zustand der Straße hat uns mehr als ermüdet und wir haben keine Lust noch weiter südlich als Cochrane zu reisen, da es dort nur noch einen Grenzübergang nach Argentinien gibt, der lediglich für Fußgänger und Radfahrer zugänglich ist. Mit Mr. Turtle müssten wir wieder zurückfahren. Stattdessen kehren wir nun im Park um und machen uns auf den Weg zur Grenze in Chile Chico. Der Park selbst hat zwar auch einen kleinen Grenzübergang nach Argentinien, doch wir haben noch keine Ausreisepapiere für Mila.

Auf dem Weg nach Chile Chico machen wir noch einen Abstecher zu einem verlassenen Minengelände, der Mina Escondida. Hier wurden bis 1986 Blei, Zink und Kupfer abgebaut und wir können einen Blick in die verlassenen Schächte werfen, aus denen uns kalte Luft entgegenbläst. In der Nähe wandern wir dann auch noch zu einem Fossilienfundort. Inmitten eines großen Wiesenhanges finden wir eine Felsenansammlung mit Muschelabdrücken, die 16 bis 18 Millionen Jahre alt sein sollen. Die mehr als 100 Kilometer lange Fahrt von Puerto Guadal nach Chile Chico entlang des Lago General Carrera zieht sich noch eine Weile. Auch der Straßenzustand verschlechtert sich immer wieder. In Chile Chico organisieren wir beim Tirarzt und SAG die Ausreisepapiere für Mila. Am 13. März 2019 verlassen wir Chile am Paso Río Jeinimeni. Unser nächstes Ziel ist Buenos Aires, wo wir Verwandtschaft von Eini besuchen und bei ihnen eine kleine Reisepause machen wollen.

Anmerkung zur Reiseroute:
Manch einer fragt sich vielleicht, warum wir nach der Carretera Austral nicht weiter in den Süden gefahren sind, um uns die „ganz großen Attraktionen“ Patagoniens anzuschauen. Kurze Erklärung: Erst im Dezember/Januar 2015/16 (als dieser Trip noch nicht einmal im Ansatz geplant war) waren wir für vier Wochen in Chile und Argentinien unterwegs. Dabei haben wir hauptsächlich Südpatagonien bereist. Unsere Höhepunkte: 8-Tagestrek auf der „O-Runde“ im Torres del Paine, 2-Tages-Trek am Fitz Roy, Perito Moreno Gletscher, Parque Nacional Monte Leon sowie ein Abstecher nach Ushuaia und zu den Königspinguinen auf Feuerland. Wir haben wunderschöne Erinnerungen von dieser Reise und haben uns daher die lange Fahrt weiter gen Süden erspart und stattdessen insgesamt mehr Zeit in Chile verbracht.

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